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Bericht über die Texterschließung von Uhlrichs Rechenbuch Rechenbuch
von Wolfgang Michael, 2004

Im Bestand des Heimat- und Waagemuseums der Stadt Oschatz befindet sich eine Handschrift aus der Zeit um 1800. Es ist ein Buch der Größe ca. 17 x 20 x 3,5 cm. Auf insgesamt 152 Blättern enthält es 278 handschriftlich beschriebene Seiten. Die Blätter sind zwischen zwei dünne ehemals mit Stoff bespannte Holzplatten gebunden. Der Buchrücken fehlt, die Heftung der Seiten ist nicht mehr vollständig. Der Erhaltungszustand der Deckseiten ist schlecht. Dagegen ist das Papier sehr gut erhalten, nur stellenweise leicht vergilbt, die Tinte ist meist klar und schwarz zu erkennen. Das Vorsatzpapier ist vorn und hinten beschrieben. Auf der hinteren Vorsatzseite befinden sich zwei Siegelspuren.
Mitten auf der Vorderseite trägt es einen Aufkleber mit der Inventar-Nummer G II 544. Im derzeitigen Inventar ist es unter II/1927/S auf der hinteren Vorsatzseite erfasst. Die Herkunft dieser Handschrift ist nicht mehr zu ermitteln. In den alten Inventarlisten des Oschatzer Orts- und Volkskundevereins von 1930 tritt sie nicht auf. Im "Heimatboten", der Beilage des "Oschatzer Gemeinnützigen" finden sich 1931 einige Einträge aus dem Tagebuch zitiert. Ich habe den ersten Eintrag in der "Bestandsaufnahme des ehemaligen Oschatzer Heimatmuseum Sept. 1950 W. Käseberg" gefunden. Dort steht auf Blatt 48

1 Rechenbuch und Berichterstattung von persönlichen und lokalen Ereignissen
1787
1 – 1843 von Gottlob Uhlrich (G II 544)

Wer dieses Buch aufgehoben hat, woher es stammt und wie es in den Besitz des Museums kam bleibt im Dunkeln.

Als Besitzer und Schreiber gibt sich Heinrich Gottlob Uhlrich auf der zweiten Vorsatzseite in großen und verschnörkelten Lettern zu erkennen. Gleichzeitig wird es als Rechenbuch bezeichnet und mit der Jahreszahl 1. Januar 1782 versehen.
Es schließen sich nun tatsächlich 58 Blatt mit systematisch gegliederten Rechenübungen zu den vier Grundrechenarten und zur Bruchrechnung an. Danach bricht der Text ab. Es folgen 8 leere Blätter um danach mit einer tagebuchartigen Eintragung aus dem Jahre 1781 zu beginnen. Diese Eintragungen füllen dann den Rest der Handschrift.

Einige Überlegungen kosteten mich die griechischen Texteinschübe, die sich an mehreren Stellen der Handschrift finden. Ich kann kein Griechisch und hatte mich schon professioneller Hilfe versichert. Andererseits erschien es mir doch schon unwahrscheinlich, dass ein Tuchmachermeister mit Elementarschulbesuch griechisch konnte. Der Schlüssel zu diesem Problem fand sich auf der Seite 58. Dort steht

Gottlieb Zschunke ist gestorben 1804 68 Jahre alt
Γοττφριεδ Στυρμ ist gestorben 1805 96 Jahre alt
Γοττφριεδ Σχηλτε ist gestorben 1800 72 Jahre alt
Σαμυελ Καψσερ

Daraus ergibt sich, das nur mit griechischen Buchstaben deutsche Texte - hier Namen – geschrieben wurden: Γοττφριεδ Στυρμ = Gottfried Sturm. Ein kleiner Angeber war er also doch. Dafüruml;r finden sich gleich drei Seiten weise lateinische Sprüche und ihre Übersetzung auf den Seiten 89/90.

Alle diese Texte habe ich abgeschrieben und sie stehen in einer Worddatei zur Verfügung. Auf dieses Manuskript und seine Seitenzahlen beziehe ich mich bei Zitaten. Eine eigene Nummerierung der Seiten liegt ja nicht vor, ich habe aber die Textseiten fortlaufend gezählt. Der Teil der Handschrift, der sich mit den mathematischen Aufgaben befaßt ist in einem zweiten Manuskript beschrieben.

 

Zur Person des Schreibers

Aus den verteilten Aufzeichnungen lassen sich die Person des Schreibers und die Mitglieder seiner Familie weitgehend rekonstruieren. Heinrich Gottlob Uhlrich wurde am 7. September 1768 in Oschatz geboren. Seine Eltern waren Christian Gottlob Uhlrich und Anna Roßina Kretzschmar. Der Vater entstammte einer Tuchmacherfamilie aus Oschatz, die Mutter war die Tochter eines Häuslers aus dem nahen Lampersdorf. Die Uhlrichs sind seit 1707 im Meister- und Innungsbuch des Oschatzer Tuchmacherhandwerks nachzuweisen. In diesem Jahr wird am 27.8. ein Johann Christian Uhlrich als Meister eingetragen. Es war sicher der Großvater unseres Autors. In den Jahren 1733 bis 1744 werden vier Söhne, darunter auch der Vater Ch. G. Uhlrich in die Innung als Tuchmachermeister eingetragen. Alle lebten und arbeiteten in Oschatz. Aus den vielen Eintragungen ergibt sich aber kein Hinweis auf den Wohnort in Oschatz. Erst durch die Information eines Sohnes (S. 51) über den Oschatzer Stadtbrand 1842 ist es mir gelungen, das Haus der Uhlrichs zu identifizieren. In der Chronik des Oschatzer Stadtbrandes von 18422 werden alle abgebrannten Familien exakt aufgelistet. Dort finden sich auf S. 65 sechs Eintragungen zur Familie Uhlrich, darunter auch der Sohn Carl Gottlob Uhlrich mit Frau, Mutter, Bruder und Sohn im Haus Nr. 54.

Mit Hilfe einer im Stadt- und Heimatmuseum vorliegenden vergleichenden Liste der Brandkatasternummern ist diese Nummer der Rosmarienstr. 10 zuzuweisen. Tatsächlich findet sich an diesem Haus ein sehr gut erhaltener und lesbarer Türsturz mit dem Eintrag

18 Gottlob Uhlrich 43

Das deckt sich mit dem Eintrag des Sohnes zum Wiederbezug seines aufgebauten Hauses:

1843 d. 10 July
Haben wir wieder mit Gotteshilfe ein
neu erbautes Haus bezogen (S.53)

Im Vorgänger dieses Hauses lebte und arbeitet unser Autor. Bald nach seiner Geburt wurde er aber zu seinem Großvater mütterlicherseits, Daniel Kretzschmar, nach Doberschwitz bei Leisnig gebracht und dort auf einem Bauernhof aufgezogen. Die Ursache ist unbekannt. Mutter und Vater waren in Oschatz. Hier besuchte er dann die Schule bis zum Jahr 1782. Aus den letzten Schuljahren stammen die ersten Eintragungen in dieses Buch, sowohl die Seiten des Rechenbuches sind um 1780 entstanden, als auch die erste Eintragung in dem „Tagebuch“ stammt aus dem Jahr 1781. Das Rechenbuch kann nicht früher angelegt worden sein, denn Schrift, Gliederung und die gewählten Übungsaufgaben schließen einen Rechenanfänger aus. Hier ist einer dabei, seine Kenntnisse zu ordnen und zu festigen, der Erstrechenunterricht liegt schon einige Zeit zurück. Außerdem gibt es einige direkt auf 1780 datierte Eintragungen im Rechenteil (S.31 Rechenteil).

Nach Schulabschluß 1782 begann der Autor eine Lehre als Tuchmacher in der väterlichen Werkstatt. Söhne von Innungsmeistern konnten bereits nach zwei Jahren zum Gesellen losgesprochen werden3. (S.57) So trat er 1784 der Ehrbaren Brüderschaft der Tuchknappen bei. Gearbeitet hat er in der Werkstatt seines Vaters. Eine Information über seine Wanderjahre findet sich nicht.

Bereits 1787 wurde er Ladenschreiber der Tuchknappen und hatte damit die Finanzen einzunehmen und zu verwalten. Schnell wurde er Meister. Am 1.9.1789 erhielt er seine Meisterurkunde und gleichzeitig wurde er Bürger der Stadt Oschatz. Ob und wie er zu einer eigenen Werkstatt kam, ist wieder nicht aus den Eintragungen zu rekonstruieren.

Aber er heiratete am 13. April 1796 Frau Christiana Sophia Uhlrich, eine aus dem Uhlrichclan in Oschatz. Damit dürfte er ja wirtschaftlich auf eigenen Füßen gestanden haben und eine Familie ernähren können. Von 1799 bis 1815 bekamen die Eheleute insgesamt 5 Kinder, 3 Töchter und 2 Söhne. Die erste Tochter starb mit knapp 2 Jahren, die zweite an den Pocken mit 18 Jahren. Mit 65 Jahren starb er im Jahr 1834 an Altersschwäche (S.47). Weitere Eintragungen folgen von seinen Söhnen. So sind die Informationen über den Stadtbrand von ältesten Sohn Carl Gottlob Uhlrich. Aber auch der jüngere Bruder Carl Heinrich schreibt im Tagebuch.

Eine ausführliche Zeittafel aller Familienereignisse liegt im Anhang vor.

 

Zum Inhalt der Eintragungen

Die Eintragungen erstrecken sich über einen Zeitraum von 67 Jahren und sind von sehr unterschiedlichem Umfang und Informationsgehalt. Eine grobe Gliederung läßt folgende Themenbereiche abgrenzen:

  • rein familiäre Berichteichte
  • lokale Neuigkeiten und Statistiken
  • Sensationen und spektakuläre Vorkommnisse
  • Spiegelungen der Weltpolitik im Leben von Oschatz
  • Informationen zur Innung der Tuchmacher und zur Meisterwerdung

 

Familiäre Berichte

Es werden Berichte über Geburten und Todesfälle in der Familie gegeben, die Wanderschaft seiner Söhne und verwandschaftliche Beziehungen beschrieben. Auch den Beginn eines eigenen Lebenslauf findet man (S. 57).
Mehrfach traf die Familie schmerzliches Leid, so besonders bei dem Tod ihrer beiden Töchter. Die erst starb bereits mit 1 Jahr und 10 Monaten. Die zweite mit 18 Jahren an den Pocken. Das solche Todesfälle nicht selten waren zeigen die ebenfalls über mehrere Jahre geführten Statistiken zu Geburt und Todesfällen der Stadt Oschatz (s.h.), die eine immer noch hohe Kindersterblichkeit in der Stadt nachweisen. Auch aus seinen eigenen Berichten geht mehrfach hervor, das die Eltern meist einige ihrer Kinder überlebten (z.B.: S.78). Im Zusammenhang mit dem Pockentod der Tochter hat mich eine Eintragung auf Seite 77 sehr überrascht:

D.7. April (1809) habe ich diesen beyden Kindern die Pocken laßen ein impfen es war 8 Tage vor Ostern, der Knabe war 3 Jahr und das Mädgen 5 Wochen, Johanna Friedericka Teresia hat die Pocken eingeimpft bekommen sie war ¾ Jahr alt von Feldscher Knabe.

Das bereits zu so einem frühen Zeitpunkt in Sachsen gegen Pocken geimpft wurde, war mir bisher unbekannt. Erst im Jahr 1796 wurde die Impfung in England, wo sie auch entwickelt wurde, zugelassen. Bereits 12 Jahre später gehörte sie zu den hier angewandten Heilmethoden. Leider war der Erfolg nicht sehr groß, wie ein später nachgetragener Text zeigt:

Carl hat die würklichen Pocken gehabt 1826 und 7 Wochen hat er zugebracht 11 Jahr war er alt und Friedericke mußte sterben.

Gehen wir davon aus, daß wenigstens beim Sohn das Impfen das Leben gerettet hat. Die Jahreszahlen sind wohl verwechselt. Denn der Sohn Carl ist 1805 geboren und damit 1816 elf Jahre; 1826 war aber die Tochter Friedericke 18 (s.S. 55). Ihr Tod ist dem Vater sehr nahe gegangen und er schreibt über 3 Seiten (S.55/56) vom Leben und Sterben. Bei all diesen schweren Nachrichten fällt die einfache, ja uns heute etwas naiv erscheinende Gottesfrömmigkeit auf. Im Willen des Herrn ist das Schicksal bestimmt und es wird im allgemeinen ohne Klagen, nur mit Trauer, angenommen. Trost und Hilfe ist der Glaube an das Paradies und ein Wiedersehen im Himmel. So schreibt er über den Tod seiner Tochter (S. 56):

Sie wollte gern sterben, und sie sagte noch zu mir, Vater ich gehe nun aus der Welt von meinem Vater und von meiner Mutter und Geschwister und komme zu meinem Großvater und Großmutter und meine Schwester. Den die Blume blühet auf am Abend fällt sie ab, so auch der Mensch er blüht und sinkt ins Grab.

Eine weitere beachtenswerte Eintragung zu Familiengeschichte geschieht nach dem Tod des Autors 1840 durch seinen Sohn Carl Gottlob Uhlrich (S. 47):

Ano 1840
Hat uns der Vetter Carl Kretzschmar
aus Riga besucht…

Eine weite Reise damals! Es ist die Verwandschaft der Ehefrau des Autors aus Lampersdorf, die es nach „schwedisch Pommern“ und nach Rügen verschlagen hatte. Dieser Teil Vorpommerns um Stralsund gehörte damals immer noch zu Schweden - seit dem Dreißigjährigen Krieg und dem Westfälischen Frieden war das so. Es folgen mehrseitige Berichte des Sohnes und auch des Besuchers, der sich sehr für die freundliche Aufnahme in Oschatz bedankt (S. 50). Die Vettern waren in Stralsund zu einem gewissen Wohlstand als Händler gekommen und hatten eine Filiale in Riga eingerichtet. Nun wurde die alte Heimat besucht und die Freundschaft gepflegt.
Für die Verflechtung der Familien und die Hilfe und Unterstützung waren in jenen Zeiten die Taufpatenschaften von großer Bedeutung. Neben der Erziehung im rechten Glauben, das war der ursprünliche Sinn der Patenschaften, wurden damit Freundschaften gefestigt und eine langdauernde Verbindung zwischen Täufling und Paten hergestellt. Jedes Kind des Autors bekommt drei Paten, die immer mit vollem Namen und dem Verwandschaftsverhältnis aufgezählt werden (S. 77; S.80).
Ein kindlich-berührender Text über den Tod einer Mutter am Ende des Buches (S. 91/92) kann von mir leider nicht zugeordnet werden. Er gehört zu keinem der aus dem übrigen Text hervorgehenden Todesfälle und zu keiner mir bekannten Person.

Lokale Neuigkeiten und Statistiken

In diesen Abschnitten werden Nachrichten aus den Stadt Oschatz, dem Umland und aus dem Bereich der Kirche berichtet. So werden besondere Wettererscheinungen (S. 5 u.a.) beschrieben oder Folgen davon aufgezählt (S.6). Sehr oft werden Preise für die gängigsten Getreidesorten genannt und über die Teuerung geklagt:

Die Preise habe ich in Groschen umgerechnet, damit sie das Diagramm darstellen kann.

Ein besonderes Kapitel bilden die Brände und deren Berichte. In den Jahren von 1799 (S.5) bis 1842 (S.54) wird über 21 Brände in der Stadt berichtet, bei denen mindestens ein Haus abbrannte. Häufig fielen aber auch mehrere Häuser oder Straßenteile dem Feuer zum Opfer. Auch das Hinterhaus und die Scheune des Autors brannten 1799 einmal ab, aber sie konnten das Wohn- und Arbeitshaus retten.(S. 5) Erst beim Stadtbrand 1842 brannte nun das Haus des Sohns mit ab. Bei der Bauweise der Häuser und besonders der Schindeldächer war es ein Wunder, daß der große Brand so lange auf sich warten ließ. Vorher am 10. August 1803 traf es schon die Stadt Leisnig, über deren Brand und die Schäden ausführlich berichtet wird. (S. 13). Zur Brandabwehr halfen alle Bürger mit und auch die Soldaten der Garnison konnten sich auszeichnen. Besonders bei dem schwere Brand in der Döllnitzgasse am 18. September 1811, als 23 Familien ihr Hab und Gut verloren, denn

Sie haben den 22. September
von der Obrigkeit eine Ergötzlichkeit davor erhalten
jede Comp. 3 Kannen Bier zusammen 6 Viertel
und frey Toback des Sontags um 3 Uhr.(S.26)

Der Bericht des Sohnes über den Stadtbrand (S.51 - 53) enthält nichts prinzipiell Neues, erwähnt aber die schnelle Hilfe mit Lebensmitteln noch am Unglückstag

von der ganzen Umgebung kamen Lebensmittel im Überfluß, gleich zum 7. Sept. des Abends kamen von Leipzig 500 Stück Brode von Wurzen ebenfalz eine bedeitende Anzahl und so ging es die folgenden Tage so fort. Brod war in großer Menge angekommen Rindfleisch, gereichertes Schweinefleisch, Erdbirnen4, Erbsen, Reis , gebacken Obst und gegen 19000 Thaler an Gelde. Kleidungsstücke alles ward sorglich unter die Abgebrannden vertheilt worden. (S. 53)

Auf Seite 54 wird über das Richtfest am Rathaus (am 8. Nov.1843) und seine feierliche Einweihung am 24. Nov. 1845 berichtet.
Neben den Bränden finden Selbstmorde in der Stadt das besondere Interesse des Autors. Sehr ausführlich und detailreich wird über diese Ereignisse berichtet. Diese über viele Jahre gehende Aufmerksamkeit des Autors macht einen erstaunlichen Wandel in der Gesellschaft beim Umgang mit diesem Personenkreis deutlich. Um 1800 werden die Selbstmörder noch meist an Ort und Stelle verscharrt. (S.3; S.14; S. 19) Der angesehene Meister Carl Sigiesmund Sturm, der sich „wegen sein Bankrott“ umbrachte, wird 1820

erstlich des Sonabend früh durch 8 Meister (ist) auf den Kirchhof getraget worden.

Aber ganz ohne Erlaubnis ging das noch nicht, denn er fährt fort:

Der Berichte kam aus Dresden (S.37).

Noch einige Jahre später ist auch die Erlaubnis aus Dresden nicht mehr nötig. Am 23. April 1826 bringt sich eine Frau Austern, eines Zinngießers Frau, um und

Sie ist früh begraben worden auch ausgesungen worden, so gut wie eine andere Leiche. Es wird nichts mehr daraus gemacht. (S.44)

Breiten Raum nehmen Ereignisse und Personalien ein, die mit der Kirche zu tun haben. Sei es die Einführung eines neuen Gesangbuchs 1798 (das alte stammte aus dem Jahr 1533!) (S.5), der allgemeinen Beichte (S.20) oder des festlichen Begehens der 300jahr-Feier der Reformation (S.34), immer findet es ausführliche Erwähnung im Tagebuch. Für die dreitägigen Feiertage zum Jahrestag der Reformation 1815 finden sich zu allen Gottesdiensten die Predigt-Texte und die Lieder mit Nr. im Gesangbuch. Vielfach werden Amtseinführungen und Beförderungen von Diakonen, Archidiakonen und Superintendenten berichtet. (S.46) Besonders beliebt war der langjährige Superintendent Johann Gottlob Steinert von dem der Autor nach dessen Tod am 24.12.1820 schreibt:

den G. Steinert predigte allhier in seiner letzten Zeit von dem himmlischen als wenn er schon oben gewesen wäre. (S.40)

Von allgemeinem Interesse dürften die entsprechenden Nachrichten zu Herrn Magister Samuel Hoffmann, dem Verfasser der Oschatzer Stadtchronik sein. So wird auf Seite 24 die am 24. Febr. 1811 erfolgte Berufung zum Archidiakon genannt und auf S. 44 seines Todes am 5. Juni 1826 gedacht.
Leider finden sich zu stadtgeschichtlichen Ereignisse wenige Notizen. Nur die Anpflanzung des Promenadenweges rund um die Stadt im Jahre 1797 „ von einem ehrwürdigen Rath vor der Vorstadt“ (S.2) findet Erwähnung, ohne allerdings den Bruder von Samuel Hoffmann als Spender zu erwähnen, wie es in der Stadtchronik mehrfach betont wird.
In den Jahren 1800,1801,1807,1808,1809, 1810 1825 und 1828 berichtet der Autor sehr detailliert über Geburts- und Todesfälle, zählt die Heiraten und die Konfirmierten auf. Daraus läßt sich ein stetiges Anwachsen der Stadtbevölkerung von 1800 an ablesen, denn in allen Jahren übersteigen die Geburten die Todesfälle zum Teil um 50 Personen.

Sensationen und spektakuläre Vorkommnisse

Natürlich waren solche Vorgänge schon immer von Interesse und die Neugierde mußte befriedigt werden. Neben den schon oben abgehandelten Bränden und Selbstmorden sollen hier die Gewaltverbrechen in der Stadt und ihrer Umgebung betrachtet werden. Insgesamt sieben Morde werden erwähnt, vier davon sehr ausführlich dargestellt.
Es beginnt 1802 mit einem Mordversuch auf der Wanderschaft von Burschen. (S.10ff) Zwei Franzosen und ein deutscher Tippelbruder schließen sich in Oschatz zum gemeinsamen Weg nach Wurzen zusammen. Bei einer Rast kurz vor Calbitz versucht einer der beiden Franzosen den Deutschen zu erstechen. Der kann sich aber befreien und erhält auch Hilfe durch einen nach Dresden ziehenden Schmiedeburschen. Die Franzosen fliehen und mit fremder Hilfe kann der Verletzte in den Gasthof Calbitz „bei dem Teiche“ gebracht werden. Dort erkennt er seinen Mörder als einen Gast und dieser wird ergriffen. Der Verletzte und der Ergriffene werden nach Oschatz gebracht. Nach der Ergreifung des noch flüchtigen zweiten Franzosen in Wurzen wird die Ermittlung mit einem Geständnis erfolgreich abgeschlossen. Beide wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Auch der Verletzte „ist in 1 ½ Jahr gestorben in Leipzig“. (S.11)
Ein weiteres Gewaltverbrechen mit sozialem Hintergrund wird 1811 aus Liebschütz berichtet. Ein Bauerssohn – wohl eines Großbauern Sohn – hatte ein Mädchen aus dem Ort „beschwängert“ (S.25) und durfte diese nicht heiraten „den sie ist den Eltern nicht Reich genug geweßen“ (S.25). Daraufhin versucht der Sohn das Mädchen mit Geld zu bestechen, als dies nicht gelingt, bringt er sie um und begräbt sie im Garten seines Vaters. Trotz unauffälligen Verhaltens „er hat sich auch sehr lustig gemacht und des Sontags geht er auch 2mahl in die Kirche und thut gar nicht dergleichen“ wird das Verbrechen und die Leiche entdeckt. Der Mörder kommt nach Oschatz ins Gefängnis, ein Selbstmordversuch des Vaters kann verhindert werden.
5 Es gelingt dem Mörder mit einem Kumpanen aus dem Gefängnis auszubrechen und nach Böhmen zu fliehen. Doch ein Brief an seine Eltern führt auf seine Spur und er wird ergriffen und für zwei Jahre in Mügeln inhaftiert, verurteilt und „ist Ihm den 14 Appril 1814 der Kopf abgeschlagen worden.“
Offensichtlich hat ein Sexual- und Gewaltverbrechen an einem 16-jährigen Mädchen in Schweta am 6. Juli 1792 die Gemüter sehr erregt. So wird von Aufläufen in den Dörfern und in der Stadt berichtet. Der Mörder aus Hanau konnte nach 9 Tagen in Meißen gefaßt werden und wurde „also den 5. Sept 1794 hingerichtet und in die Erde begraben“.
Dieser Mord hat den Autor tief bewegt und ihn zu zwei Gedichten angeregt, eine „Mord Ode“ und ein „Am Sarge“. Beide Gedichte werden, wie es dem klassischen Bildungsbürgertum entspricht, mit einem Gellert-Zitat eingeleitet:

Auf einmal wird man nie der größte Bösewicht, allein den Grund dazu kann man aufeinmal legen.

Weiter wird ein Mord in der Altoschatzer Vorstadt berichtet, die Hausleute haben eine Frau im Schlaf umgebracht. Interessant ist ein Mord an der Gastwirtin in Schmorkau deshalb weil „es war Sontag unter der Kirche, wo niemand weis wer sie erschlagen hat“.
Offenbar war dies eine günstige Zeit, denn alle Leute waren in der Kirche, nur die Wirtin mußte das Mittagessen vorbereiten. Ein Mord in der Verwandtschaft hat um Neujahr 1811 die Bewohner bewegt. Ein Bruder hat in Jahna seine Schwester umbringen lassen, auch noch durch den eigenen Sohn.
Zum Schluß dieser schaurigen Geschichten noch eine Aufzeichnung, die zeigt, das es selbst zum Tode Verurteilten nicht gut ging:

1808 Dem 21. Okt. ist zu Meißen eine Excution vorgefallen es sind 6 Personen hingerichtet worden und auf das Rad gesetzet. Der erste ist 2 mahl gerichtet worden indem das erste mahl der Scharfrichter nicht durchgekommen ist.“

Spiegelungen der Weltpolitik im Leben von Oschatz

In den Jahren des Tagebuchschreibens hat ja die große Weltpolitik um Oschatz keinen Bogen gemacht und besonders die Ereignisse der Napoleonischen Feldzüge trafen auch unsere Heimatstadt. So ist es kein Wunder, das auch der Autor längere Passagen seiner Aufzeichnungen diesen Vorkommnissen in Oschatz aber auch in der fernen Welt widmet. In einem längeren Text (S.30 -33) stellt er eine geschlossene Darstellung der Ereignisse der Jahre 1813 bis 1815 vor. Sicher nicht, ohne eine Zeitung jener Tage benutzt zu haben.
Konkrete Auswirkungen auf Oschatz beginnen im Jahr 1806. Den 28. September marschierte die Oschatzer Garnison aus um da noch gegen Napoleon zu kämpfen. Bereits am 14. Oktober waren sie in französischer Gefangenschaft und drei Wochen später wieder da, weil Sachsen inzwischen zu Napoleon übergelaufen war. Es handelt sich hier um die bekannte Schlacht bei Jena/Auerstädt, die am 14.10.1806 stattfand – also auch mit Oschatzer Beteiligung. Kurz darauf kamen die ersten Franzosen in die Stadt.

sind die Frantzoßen hier durch passiert nehmlich die Kranken Militärstraßeging hier durch da haben wir viel Einquartiergehabt (S.15)

Aber nicht umsonst, denn

vor den Mann 10 Gd gutgethan (ebenda)

Auch der Handstreich zum Raub der Stadtkasse, den ein Husarentrupp 1809 aus dem Lager Meißen in Oschatz machte, findet Erwähnung:

Den 16. Juny ist der Feind in unsere Stadt eingerückt und die Thore wurden gleich gespert und nahmen alle Caßen in beschlag, und in 2 Stunden ritten sie wieder weiter, es waren 36 Mann Kayserliche Husaren.

Es wundert einen heute schon, wie 36 Mann eine ganze Stadt mit Garnison ausrauben konnten. Danach begannen die schweren Prüfungen für Oschatz mit 9000 Mann Einquartierung am 20. Juli und wenige Tage darauf auf dem Rückmarsch aus Grimma nochmals. Der Autor erwähnt weiter den Besuch des Königs von Westfalen:

Den 1. Appril (1812) ist alhier der König v. Westpfahlen hier in dem goldenen Löwen einlogiert um 8 Uhr und früh um 4 wieder fort gefahren. Den 12. ist den frantzschösen Kayser seine Bedienung hiergeblieben 100 Mann und 150 Pferde. (S.28)

Bis dann auch endlich der Kaiser Napoleon selbst durch Oschatz ritt:

Und auf einmal so kam der Francoesch.Kayser Napoleon mit seiner Armee hier durch die Hospitalgasse rauf und der König von Sachsen den 8. October (1813), da haben hier in Oschatz wieder 9000 Mann logiert und das Marschieren ging 3 Tage und nach Leipzig alwo eine 5täglich Schlacht geliefert wurde. (S.30)

Diese Belastung der Stadt hat auch in der Familie des Autors ein Opfer gefordert:

Anno 1813 d.17.October ist meiner Frau ihre Stiefmutter gestorben… Sie war so erschrocken wie so viele Frantzosen dawaren 9000 an der Zahl 50 Mann hatte mein Schwiegervater. (S.80)

Eine erstaunliche Zahl für das Haus Rosmarinstraße 12, aus dem die Frau des Autors stammte.
Neben diesen kriegerischen Ereignissen spielt nur noch der Tod des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm der Zweite 1797 eine Rolle. Auf den Seiten 82/83 wird eine ausführliche Beschreibung der Trauerfeierlichkeiten in Potsdam und Berlin gegeben. Sicher auch eine Zusammenstellung aus einer Zeitung.
Zwei Einträge sind in diesem Zusammenhang noch erwähnenswert, spiegeln sie doch auch große Politik in der Wahrnehmung der kleinen Leute wieder. Da ist zunächst eine als „Leidensgeschichte des hl. Römischen Reich“ bezeichnete Parodie mittels volkstümlicher Sprüche (S.2/3) aus dem Jahre 1798. Wenig später folgt 1801 ein umfangreiches Spottgedicht „ein Lied aus Dresden“ über maßlose Holzeinschläge und Schiebereien in den Wäldern Sachsens durch einen hohen Beamten, Geheimrat Färber in Dresden. Aber das Vertrauen auf den König war grenzenlos, wie die letzte Strophe zeigt:

König August voller Güthe
nimmt es zu Gemüthe
Dein Volk ist braf und gut
Durchlauch, höre ihr klagen
und milder ihre Plagen
Vernichte uns die Höllenbrut.

Informationen zur Innung der Tuchmacher und zum Meister

Naturgemäß sind für den Tuchmacher Uhlrich die Ereignisse der Tuchmacherinnung oft einen Eintrag wert. Es beginnt mit einer Information über seinen Vater, der sich sehr für die Erschließung neuer Absatzmärkte für die Oschatzer Tuche einsetzte. Mit Erfolg, wie die Nachricht vom Frühjahr 1797 (S.71) zeigt:

Ist mein Vater Christian Gottlob Uhlrich auf die Braunschweiger Meße gegangen und in 16 Tagen wieder gesund zu Hauße gekommen wo er zu ersten mahle als ein Oschatzer Tuchmacher den Versuch gemacht hat.

Unterstützt wurde dieser Gang nach Braunschweig durch die Innung, denn er erhielt 5 Thaler Reisegeld. Erfolgreich muß die Reise auch gewesen sein, denn bereits im Sommer des gleichen Jahres fuhr er nun mit 4 weiteren Meistern wiederum nach Braunschweig. Und das nicht zum letzten Male:

Und also ist diese Meße immer noch fort geführt worden 1809 da waren 4 Meister auf die Meße 1810 - 5; 1811 - 7; 1812 – 6; 1813 – 8; 1814 – 8; 1815 – 7 und immer Geld geliefert.

Allerdings zeigt sich in diesen Jahren auch, das die große Zeit des Oschatzer Tuchmacherhandwerks langsam zu Ende geht. Immer wieder erfolgen Klagen über den schlechten Geschäftsgang (S. 33,34,87). Noch ist die Meisterinnung aber stark, so feiert sie am 10.4.1801 auf dem Rathaus ein Fest, weil die Innung aus 111 Meistern besteht (S.9).
Ärger hatte die Innung mit ihrer eigenen Färberei, der Schönfärbe und dem Grundstück, auf dem sie sich befand. Dazu gibt es im letzten Meisterbuch der Innung im Stadt- und Waagemuseum einen umfangreichen Briefwechsel. Auch der Autor beschäftigt sich mit diesem Vorgang und kommentiert ihn (S.43).
Seine Meisterwerdung beschreibt er sehr ausführlich und mit vielen interessanten Details auf den Seiten  58 - 60. So beginnt am 20.7.1798 die Meisterprüfung mit dem Besehen der Wolle zum Meisterstück – immer mit Unkosten verbunden:

Summa
  9 Thl 6 gl ist mir das Wolle besehen gekommen
  1 Thl 6 gl Wein
10 Thl 12 gl

Die Meisterprüfung setzt sich über Rohschauen und zweimaligen Beschauen – immer mit Kuchen und Wein – fort. Die Ernennung zum Meister und die Gewinnung des Oschatzer Bürgerrechts am 20.8.1798 kosten wieder Geld. Manche Feiern dehnten sich auch aus:

Den 11. August habe ich das Tuch gewalcken und ist mir 1 Thl 16 gl gekommen. Wobei viele Leute mit zu gegen waren und gingen nach Mannschatz zu Biere und haben gegeßen und getrunken und die Gäste 27 Mann und Weib bis früh um 9 Uhr.

Nach all diesen Anstrengungen schreibt er am 1. September 1798:

Und also ist mir mein Meister und Büger werden gekommen 27 Thl und 7 gl.

Diesen Eintragungen zu seiner Meisterfeier folgt die umfangreichste zusammenhängende Darstellung im gesamten Buch:

Eingangs Rede bey einer Ehrbaren Brüderschaft, wen sie zusammen kommen (S.60ff)

Es ist das ausführliche und sicher wörtliche Protokoll einer Zusammenkunft der Tuchknappen. In den umfangreichen Unterlagen aus der Innungslade der Tuchmacher von Oschatz ist kein entsprechender Text zu finden. Damit habe wir hier erstmals die Gelegenheit, den Inhalt und besonders den Stil einer solchen Versammlung kennen zu lernen. Aufgabe dieser monatlichen Zusammenkünfte in der Herberge, also dem Quartier für Wanderburschen, war die Zahlung eines Beitrags zur Armen- und Altenunterstützung, die Anhörung aller Mitglieder über Probleme bei der Arbeit oder der Unterkunft, die Wahl eines „Arbeitschauers“, die Aufnahme neuer Gesellen als Mitglieder und die Verabschiedung von Gesellen auf die Wanderschaft.
Alle diese Aufgaben werden vom Altgesellen, der die Knappschaft führt, gewissenhaft aufgerufen und abgehandelt.
Der nach dem Altgesellen wichtigste Mann war der Ladenschreiber, der die Lade mit der Kasse verwaltete. Diesen Posten hatte auch unser Autor mehrere Jahre inne. Der Ladenschreiber ruft alle Gesellen mit vollem Namen auf, diese treten vor die Lade und geben „einen guten Groschen“ (S.61) . Im Protokoll dieser Sitzung sind es 37 Gesellen, die mit Nennung ihrer Herkunft aufgerufen werden. (S.62/63). Danach klopft der Altgeselle und

thue dabey eine öffentliche Umfrage ()halten ob etwa einige sind, die was zu klagen haben was anbelangt Handwerks Sachen oder Herbergs Sachen Schimpf und Schimpfworte oder was einem ehrliebenden Nahmen nicht länger anständig ist zu leiden…

und fordert sie zum Reden auf. Teilnehmer sind auch einige „tepentierte Meister“, was ich nirgends erklärt fand, ich nehme an das sind „delegierte“ oder „deputierte“ Meister, die sicher auch hier Rede und Antwort stehen können und die Meisterinnung gegenüber der Knappschaft vertraten. In dem Innungsbuch wird immer für ein Jahr eine Dreiergruppe Meister extra gewählt, ich denke das es genau diese Meister waren.
Nach dem keine Klagen vorgebracht wurden, wendet sich der „Arbeitschauer“ mit einem Monatsbericht an die Gesellen. Dieser jeweils für einen Monat bestimmte Geselle kümmerte sich um die Wanderburschen, verschaffte ihnen Arbeit und Quartier. Er stellt sich der Kritik seiner Mitgesellen und bittet um ihre Unterstützung.
Nun folgt die Aufnahme neuer Gesellen mit einer umfangreichen Einführung in die Pflichten und Aufgaben. Es beginnt mit der politisch-ideologischen Grundlage:

Dabey Gott und seyn Wort nicht verachten… das Hl. Abendmahl…..wenigstens des Jahres 3mahl zu genießen….

              

Dann folgt die materielle Basis:

Werden Sie in Arbeit stehen…..werden Sie Ihnen seine Arbeit machen…

und dann der( etwas eingeschränkte) Spaß:

werden sie nunmehr die vorige Gesellschaft meiden, die sie bisher geliebet haben sich jeder Zeit zu praffen Buschen halten…. nicht etwa in Gasthöffen oder anderen Häußern alwo sich nicht geziemet…

Alle Zitate stammen von den Seiten 60 – 69.
Das Befremdliche an diesem Protokoll ist aber der Stil, in dem diese Versammlung abläuft. Alle Redewendungen sind sehr formalisiert, ja zu Formeln erstarrt, so wendete sich jeder mit folgender Anrede an die Versammlung:

Wohl vorgesetzte Altgesellen wie auch deren
Herrn zugethanen Tepentierten Meister als Beysitzer
die Gesellen bey Tische nebst einer gantz Ehrbahren Brüderschaft.

Fast jeder Satz wird mit der Formel „mit Gunst“ eingeleitet und abgeschlossen. So antwortet der Altgeselle auf die umständlich vorgetragene Bitte, sich an die Versammlung wenden zu können mit:

Mit Gunst Du kannst reden was du von Nöthen hast mir und der Laden ohne Schaden mit Gunst. (S.64)

Die Rolle des Altgesellen nimmt beinahe hoheitliche Maße an, so wendet sich der Arbeitschauer zunächst an den Altgesellen und trägt ihm wort- und formelreich sein Ansinnen vor, einige Worte an die Gesellen zu richten. Danach tritt  der Altgeselle vor und trägt  nun seinerseits mit fast den gleichen Worten dieses Ansinnen nochmals an alle Gesellen vor, als ob diese vorher nicht hinhören durften, so etwas war mir bisher nur aus dem Petitionszimmer des franz. Königs Ludwig des XIV. bekannt.
Die erstarrte Tradition, die hier noch praktiziert wird, überträgt sich auch auf die Wanderschaft der Burschen, so wird auf Seite 68 vorgeschrieben:

Wenn Sie wandern… so müßen Sie, wen Sie heraus wandern ihr Bündel auf der linken Achsel tragen, kommen Sie vor das Thor so tragen Sie es wie Sie wollen, kommen Sie wieder zur Stadt, so tragen Sie es auf der rechten

Solche Niederschrift zeigt, dass die Innungen und ihre angschlossenen Organisationen sicher nicht mehr dem Zeitgeist entsprachen. Ihr Widerstand gegen moderne Produktions- und Lebensformen in den Städten zu Beginn des 19 Jahrhunderts hat die Entwicklung der Wirtschaft nicht mehr gefördert. Ihre große Zeit, in der sie ganz entscheidend die Rolle und Funktion der Städte im Mittelalter prägten ist vorbei.

Zum Schluß möchte ich noch auf zwei Eintragungen verweisen, die mich deshalb verwundern, weil die Rolle des Glaubens und der Religion sonst sehr ernst und gewichtig ist. Hier aber über religiöse Themen gespottet wird. So findet sich auf den Seiten 84 bis 87 eine leider nicht mehr vollständige religiöse Deutung von „des Teufels Gebetbuch“, also des Kartenspiels durch eine gewitzten Soldaten. Und - noch überraschender - auf der Seite 88 eine Verknüpfung des heiligsten Gebets der Protestanten, des Vaterunser, mit der Abschaffung der Tabaksteuer und anderer Auflagen durch den Preußenkönig.

Insgesamt gibt dieser Text einen Einblick in die Lebens-, Arbeits- und Denkweisen eines einfachen Oschatzer Bürgers. Schon die Dauer der Eintragungen über 67 Jahre macht dieses Dokument recht selten und rechtfertigt die Mühe seiner Erschließung.

Oschatz, am 22. März 2004

 

Fußnoten


1

Die Zahl ist wohl ein Lesefehler, es muß 1781 heißen.

2

SIEGEL, Fr. Ludwig: Oschatz in den Tagen des 7.-28. September 1842; Ein Beitrag zur Chronik der Stadt Verlag Fr.Oldecop Oschatz 1850

3

s. Innungs- und Meisterbuch der Oschatzer Tuchmacher im Museum

4

Kartoffeln

5

Quelle dieses Berichtes ist ein Artikel in den „Oschatzer gemeinnützigen Blättern“ 38. Stück vom 21.Sept.1811 siehe Anhang.


 

Anhang

Aus: Oschatzer gemeinnützige Blätter; acht und dreyßigstes Stück ; Sonnabends, den 21.September 1811, S. 297 – 300 (Im Archiv der Stadt Oschatz)

Mordthat in Liebschütz

Der Mensch, wenn er nicht durch Vernunft Herr seiner Leidenschaften wird, dieselben zu regieren und zu mäßigen weiß, wird nicht selten ein Spiel derselben, und sie sind es dann, die das Schicksal des Menschen bestimmen. Läßt der Mensch denselben zu sehr den Zügel, befriedigte er mit zuvorkommender Willfährigkeit oder argloser Nachlässigkeit ihren ungestümen Drang, so stürzt er sich in ein unbegränztes Meer von Unglück, er eilt von Laster zu Laster, von Verbrechen zu Verbrechen, von Elend zu Elend. Die schreckenvolle Begebenheit, die sich in diesen Tagen in unserer Nachbarschaft ereignet hat, bestätigt diese Behauptungen leider nur mehr als zu sehr. Das  Herz jedes, auch sonst nicht gefühlvollen Menschen muß bey der Nachricht von dieser Begebenheit und ihren Umständen, oder bey den Anblicke des ermordeten Körpers mit Schaudern und Entsetzen erfüllt worden seyn, und lange zweifelt man, ob die Menscheit so tief sinken könnte. Noch ruht auf dieser Begebenheit ein undurchdringliches Dunkel, welches uns nur die Hauptsache in einiger Dämmerung erscheinen läßt; die Nebenumstände, die wahrscheinlich das gräßliche dieser That noch mehr enthüllen, sind noch in Finsterniß begraben.
G o t t f r i e d  V o r h o l z, der einzige Sohn eines sehr wohlhabenden Halbhüfners aus Liebschütz, eines unter die Adl. v. Oppellischer Gerichte zu Wellerswalde gehörigen Dorfe, ein Jüngling von 18 Jahren, fühlte Neigung zu der einzigen Tochter eines dortigen Begüteten, Nahmens Leuthold, einen sehr fleißigen, ordentlichen und von allen, die sie kannten, sehr geschätzten Mädchen. Ihr öfterer Umgang machte sie immer vertrauter, und so vergaßen sie sich in einer Stunde der Schwachheit. Sie fühlte, daß sie Mutter würde. Ihre Eltern wünschten sehr, daß die Schande ihrer Tochter durch eine eheliche Verbindung mit  dem Verführer ihrere Tochter vertilgt würde, und er selbst schien auch dazu nicht abgeneigt. Allein sey es nun, daß seine Eltern sich dieser Verbindung aus Habsucht widersetzten, da die Tochter Leutholds nicht so wohlhabend war, wie ihr Sohn, oder war es eine anderweitige Neigung, die ihn fesselte, und zu welcher er durch seine Begierden hingerissen wurde, oder war beydes verbunden; kurz die Sache verzog sich. Am vergangenen 6ten September bestellte er seine ehemalige Geliebte, die er zur Mutter gemacht und seit einiger Zeit gleichsam geflohen hatte, des Abends vor das Thor, verbot ihr aber zugleich, ihren Aeltern etwas zu sagen. Sie aber benachrichtigte sie davon, und sie erteilten ihr auch, nichts Arges ahnend, die Erlaubnis, indem sie glaubten, daß diese für sie so unangenehme Sache durch diese Unterredung einen günstigen und erwünschten Ausgang nehmen würde. Allein sie hatten ihre Tochter zum letztenmal lebend gesehen, zum letztenmal mir ihr gesprochen. Der tagende Morgen fand sie nicht mehr unter den Lebendigen. Der, der sie verführte, der ihre Unschuld raubte, ward ihr und seines Kindes Mörder. Mit einiger Besorgniß forschten die Eltern nach ihrem Kinde, man suchte sie überall, fand aber nichts; man sprengte fälschlich aus, sie sey vielleicht gar fortgegangen. Endlich gelang es den angestrengten Untersuchungen der Obrigkeit am 10ten September ihren todten Körper unter einer Zeile Erdbirnen in Vorholzens Garten vergraben, zu finden. Ihr Kopf war so verstümmelt, wahrscheinlich durch ein Beil oder Tängelhammer, daß das Gehirn herausgeflossen war. Man hatte sich sogleich des jungen Vorholzens und auch seines Vaters versichert, und jener, noch nicht genug in Handlungen der Bosheit geübt, gestand auch bald, daß er der Mörder dieses Mädchens und ihrer unter den Herzen tragenden Frucht gewesen sey. Am 12ten September wurde der Leichnam dieser unglücklichen Person zur Erde bestattet. Eine sehr große Menge Menschen hatte sich theils aus Neugier, theils aus Theilnahme dabey versammelt. Eine vortreffliche und ganz der Wichtigkeit des Gegenstandes angemessene Leichenrede von dem dortigen Pastor Hütter mit inniger Theilnahme gesprochen, die ganz dem Geist des ächten Christenthums athmete, rührte die Herzen aller Anwesenden bis zu Thränen; ein lautes Schluchzen und die häufig vergossenen Thränen bezeugten die innige Theilnahme aller. Aber eben da er die Familie der Ermordeten zur Versöhnlichkeit gegen die Familie des Mörders und den Mörder selbst ermahnte, versuchte Vorholz, der Vater, seinen Leben durch einen Schnitt in die Kehle ein Ende zu machen. Zum Glück wurden es die Wächter noch zeitig genug gewahr, so daß er wahrscheilich gerettet wird, um, wenn er der Theilnahme an dieser schändlichen That schuldig befunden wird, durch die Gerechtigkeit den Lohn seiner Thaten zu empfangen. Mit ihm wurde auch seine Frau und Tochter in Verhaft genommen. Ein schrecklicher Leichtsinn, ich will nicht sagen Verstockung, leuchtet aus dem Betragen dieser Menschen hervor. Vorholz, der Sohn, hatte den Tag nach der Ermordung einen Gevatterbrief wo er die ganze Nacht, so wie auch seine Eltern, tanzte und den Sonntag drauf hatte er die Frechheit zweymal in die Kirche zu gehen, da man ihn doch schon allgemein als Mörder in Verdacht hatte.
Wie glücklich hätten diese Menschen leben können, da sie mit irdischen Gütern gesegnet waren, wenn sie sich nicht von thörichten Leidenschaften hätten hinreißen lassen!

 

Zeittafel der Familie Uhlrich
Heinrich Gottlob Uhlrich

1707

27.08.

ein Johann Christian Uhlrich wird Tuchmachermeister; erste Erwähnung der Familie Uhlrich im Innungsbuch der Tuchmacher
1742   * Mutter Anna Roßina Kretzschmar

1763 19.03.

Vater Christian Gottlob Uhlrich wird Tuchmachermeister

1764   Heirat der Eltern A.R.Kretzschmar und Christian Gottlob Uhlrich
1768 07.09. * Heinrich Gottlob Uhlrich
1772   Erziehung bei Großvater Daniel Kretzschmar in Doberschütz

1782   Schulentlassung in Oschatz; Beginn der Lehre beim Vater als Tuchmacher
1784   Geselle Tuchmacher
1787   Schreiber der Tuchknappen
1789 01.09. Meister und Bürger von Oschatz
† Großvater Daniel Kretzschmar
1796 13.04. Heirat mit Christiana Sophia Uhlrichin
1799 07.04. * Johanna Christiana Uhlrich 1. Tochter
1801 27.02. † Johanna Christiana Uhlrich
1802
29.11.
† Carl Leberecht Bergmann Schwager
† der Mutter Anna Roßina Uhlrich geb.Kretzschmar
1804  
10.04.
01.10
.
Friedrich Gotthelf Uhlrich, sein 5. Bruder geht auf Wanderschaft
† der Cousine Johanna Christiana Gasch in Doberschwitz
† der Tante Frau Streicher
1805 10.02. * Carl Gottlob Uhlrich 1. Sohn
1806   Bruder Friedrich Gotthelf kehrt zurück
1807 24.12. er wird Gegenschreiber der Tuchmacherinnung
1808 29.02.
09.05.
* Johanna Friedericke Uhlrich 2.Tochter
† des Cousin Pastor Johann Christian Kretzschmar in Zschoppach
1809 22.02. † des Vaters Christian Gottlob Uhlrich
1810 08.06. * Johanna Teresia Uhlrich 3. Tochter
1811 30.10. † des Onkels Johann Georg Gasch in Doberschwitz
1813 17.10. † Stiefmutter von der Ehefrau Christiana Sophia Uhlrich
1815  
25.01.
† der Schwägerin
* Carl Heinrich Uhlrich 2. Sohn
1819   der älteste Sohn Carl Gottlob kommt aus der Schule und beginnt am 29.5. die Lehre als Tuchmacher beim Vater
1820 29.05.
 
12.12.
† des Schwagers Gottlieb Sigismund Uhlrich
Tochter Johanna geht nach Grimma in Stellung
† der Tante Anna Regina Gasch in Doberschwitz
1822   Carl Gottlob wird als Geselle losgesprochen
1823   der Sohn Carl Gottlob geht auf Wanderschaft
1824   Tochter Johanna kehrt zurück
Weihnacht geht sie nach Liebschütz zur Familie Zerge
1826 18.03.
04.07.
26.12.
† Tochter Johanna 18jährig an den Pocken
† der Stiefmutter
er wird für ein Jahr Bau-Meister der Innung
1829 18.04. Carl Heinrich beginnt die Lehre beim Vater
† der Stiefmutter der Ehefrau Christiana Sophia
1832 21.04. Carl Heinrich wird losgesprochen
1834 11.05. † Heinrich Gottlob Uhlrich
1840 14.05. * Geburt der Zwillinge Amalia Wilhelmina und Maria Theresa Uhlrich Töchter von Carl Gottlob Uhlrich des Autors erste Enkel
Besuch aus Riga bei den Söhnen
1842   Haus der Uhlrichs brennt beim großen Stadtbrand mit ab
1843 10.07.
30.07.
neues Haus bezogen Rosmariengasse 10
der Sohn Carl Heinrich Uhlrich heiratet

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