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Das Schutzhaftlager Pappenheim in Oschatz
von Wolfgang Michael, Geschichts- und Heimatverein Oschatz e.V.

Erstveröffentlichung in Sächsische Heimatblätter - Unabhängige Zeitschrift für Sächsische Geschichte, Denkmalpflege, Natur und Umwelt / Heft 4 – 2008 Seiten 362-367; Verlag Klaus Gumnior, Chemnitz

 

Mit dem Einsetzen der Verfolgung oppositioneller Personen durch die Nationalsozialisten im Februar/März 1933 entstanden in vielen Orten außergerichtliche Formen der Haft. Diese wurden von den Nazis selbst als „Konzentrationslager“ bezeichnet. Um die regulären Polizei- und Gerichtsmaßnahmen zu umgehen, wurde die sog. „Schutzhaft“ erfunden. Ohne jeden rechtlichen Grund und in bloßer Willkür wurden von der SA und der NSDAP zunächst Kommunisten und später alle missliebigen Personen  einfach von der Straße in Gewahrsam genommen.

Diese frühen Lager waren Provisorien, die von lokalen Parteibonzen und der SA eingerichtet wurden. Diesen war es darum zu tun, die große Zahl von Häftlingen durch Terror einzuschüchtern und zu drangsalieren; dies wäre im regulären Strafvollzug zu dieser Zeit noch nicht möglich gewesen. Auch in Oschatz entstand ein solches Lager auf Weisung des NSDAP-Kreisleiters Papsdorf im städtischen Ferienlager Pappenheim.

Das Ferienerfrischungsheim wurde 1911 erbaut. Die Stadt stellte dazu in ihrem Stadtwald ein Grundstück zur Verfügung. Es befand sich nördlich der Staatsstraße nach Wermsdorf, etwa dort, wo sich heute die Straße „Am alten Forsthaus“ mit der Straße „Alte Wache“ trifft.


Abb.1: Lageplan des KZ Pappenheim im Fliegerhorst Oschatz

Es entstand zunächst ein offener hölzerner Pavillon. Zu ihm wanderten die Kinder hinaus, spielten an der frischen Luft und erhielten u.a. ein Glas Milch. Wenige Jahre später wurde der Pavillon als Gebäude massiv aufgebaut. Für ca. 30 Kinder standen Schlafplätze, Toiletten und eine Küche mit Speiseraum zur Verfügung. Viele begeisterte Berichte von Schülern und Eltern finden sich in der Presse und den Akten der Stadt. Es war eine sehr beliebte und intensiv genutzte städtische Einrichtung. Nun standen dem Lager einige schlimme Wochen bevor.


Abb.2: Städtisches Ferienheim Pappenheim  um 1912


Abb.3: Ferienheim Pappenheim mit Anbau um 1932

Der neu ernannte Kommissar für die Amtshauptmannschaft Oschatz Kreisleiter Papsdorf führt in den Abendstunden des 7.April 1933 den entscheidenden Schlag gegen alle linken Kräfte in Oschatz und Umgebung gemeinsam mit der SA. Politisch Verdächtige werden festgenommen. Einige werden im Kino verhaftet. Sie werden zunächst in die Rote Kaserne [1] gebracht.

Obwohl die SPD zu dieser Zeit offiziell noch nicht verboten ist und ihre Abgeordnetenmandate weiter gelten, werden auch diese Personen in Schutzhaft genommen.

Die Polizeiwache Oschatz meldet am 8. April:

„Auf Anordnung des Kommissars für die Amtshauptmannschaft, Herrn Kreisleiter Papsdorf, wurden am 7.4.1933, in der Stadt Oschatz, nachstehend aufgeführte Personen, welche Führer oder Funktionäre linksgerichteter oder verbotener Parteien sowie sonstiger verbotener Organisationen waren, in Schutzhaft genommen und dem von dem Herrn Kommissar im Kinder-Ferienerholungsheim im Stadtwald errichteten Konzentrationslager zugeführt.

    1.Reinhardt, Johann, Stricker, K.P.D.
    2.Schröder, Max, Arbeiter K.P.D.
    3.Weber, Martin, ldw.Arbeiter, K.P.D.
    4.Günther, Fritz, Arbeiter K.P.D.
    5.Schiemann, Alfred, Invalid, K.P.D.
    6.Müller, Walter, Dachdecker, K.P.D.
    7.Heller, Hermann, Schmied, K.P.D.
    8.Hänsel, Fritz, Arbeiter, K.P.D.
    9.Probst, Alfred, Arbeiter, K.P.D.
    10.Schmidt, Artur, Arbeiter, K.P.D.
    11.Schalk, Richard, Arb.Amts-Angest. S.P.D.
    12.Rücker, Walter, Arbeiter, S.P.D.
    13.Gründig, Emil, Angest.d.O.Kr.Kasse, S.P.D.
    14.Uhlmann, Heinz, Schlosser, K.P.D.
    15.Schneider, Paul, Maurer, K.P.D.
    16.Kunze, Walter, Schlosser, S.P.D.
    17.Marx, Arno, Arbeiter, S.P.D.
    18.Tesch, Artur, Steinmetz, K.P.D.
    19.Nitzsche, Bruno, Fabrikarbeiter, S.P.D.
    20.Höhme, Paul, Fabrikarbeiter, Reichsbanner
    21.Bemann, Artin, Glaser, S.P.D.
    22.Roitzsch, Alfred, Gärtner, S.P.D.
    23.Sebald, Karl, Dreher, S.P.D.
    24.Stockert, Schuhmacher, S.P.D
    25.Albert, Paul, Dachdecker, Reichsbanner
    26.Bennewitz, Emil, Polier, S.P.D.
    27.Bennewitz, Willy, Schlosser, Reichsbanner
    28.Hanisch, Paul, Dachdecker, S.P.D. und Reichsbanner
    29.Polster, Alfred, Schumacher u. Berichterstatter
    30.Hirschfeld, Karl, Schlosser und Gew.Sekretär
    31.Müller, Karl, Arbeiter, S.P.D.
    32.Leuschke, Georg, Arbeiter, K.P.D.
    33.Schönfelder, Arthur, Arbeiter, K.P.D.
    34.Schütz, Otto, Arbeiter K.P.D.
    35 unleserlich
    36.Nollau, Bruno, Kraftwagenführer, S.P.D.
    37.Vogel, Erich, Lehrer, K.P.D.
    38.Junker, Alfred, Arbeiter, K.P.D.
    39.Alex, Erhard, Arbeiter, K.P.D.

    Horn
    O.P.Kommissar [2]

Dieses Schreiben ging am 10. April 1933 abschriftlich auch an die Zentrale für Umsturzbekämpfung.

Recht schnell hatte der Kreisleiter der NSDAP erkannt, dass sich das Oschatzer Ferienlager gut als Konzentrationslager nutzen ließ. Der Komfort war gering, die Lage abgelegen und nicht von allen einsehbar. Bewachen ließ sich das Gelände auch einfach und ein alter Steinbruch als Arbeitsstelle war nicht weit entfernt. Offenbar machte auch die Stadtverwaltung keine Schwierigkeiten bei der Einrichtung als KZ und stellte das Objekt gern bereit.

Nach der Einlieferung in die Rote Kaserne – das SA-Gebäude – werden die ca. 120 Inhaftierten  am 9. April 1933 unter SA-Bewachung und Misshandlungen durch die Dresdner Straße zum Neumarkt in Oschatz getrieben und hier zur sogenannten „öffentlichen Schau“ gestellt. Anschließend werden sie unter ständigen Beschimpfungen und Misshandlungen durch die SA und vielen Oschatzer Bürgern entlang der Wermsdorfer Straße nach Pappenheim ins Lager gebracht.

"Sie werden dort Gelegenheit haben, sich im Verlaufe der nächsten Wochen davon zu überzeugen, daß der Marxismus in Deutschland nichts mehr zu suchen hat. Der Aufenthalt der politisch verblendeten Volksgenossen wird vor allem den Erfolg haben, daß sie zu brauchbaren Mitgliedern der Nation erzogen werden und wahrhaft deutsche Volksgenossen werden. – Wie weiter mitgeteilt wird, befand sich das Ferienerholungsheim in einem unsauberen Zustand, so daß der frühere Schulleiter, dem das Heim anvertraut war, zur Reinigungsaktion gestern mit herangezogen wurde." (gemeint ist der ehemalige Stadtrat Fritz Mucke) [3]

Über die Zustände im Lager und besonders über die sog. „Deutschen Abenden“, bei denen die Verhafteten misshandelt und gequält wurden, kommen schnell Gerüchte in der Stadt auf. Frauen der Verhafteten schleichen sich nachts an das Lager, um diese Zustände zu beobachten, sie unterstützen sich auch durch Sach- und Geldspenden.

Um den Gerüchten entgegenzutreten, veröffentlicht das Oschatzer Tageblatt am 14. April 1933 ein Schreiben von Häftlingen:

„Wir erklären hiermit ausdrücklich, daß an den in der Stadt Oschatz verbreiteten Gerüchten über schlechte Behandlung bzw. Mißhandlung, die an den Inhaftierten vorgenommen sein sollen, kein wahres Wort ist. Die aus dem Konzentrationslager wieder Entlassenen bestätigen dies durch ihre Unterschrift."

Emil Gründig   Max Schmitt   Bruno Nollau
Rich. Schalk   Arthur Schmitt

Und am 24. April 1933 erscheint im „OSCHATZER GEMEINNÜTZIGEN“ ein umfangreicher Artikel „Ein Besuch im Oschatzer Konzentrationslager“, der ein idyllisches Lagerleben schildert. Nach diesem Bericht sei Leiter der nette und sehr korrekte Sturmführer Schiemann, weiter seien in der Verwaltung Pg.Reiche, Pg. Dietze, und die Kasse verwaltet Pg. Beulich.


Abb.4: KZ Pappenheim –Lagerinsassen beim Appell


Abb.5: KZ Pappenheim – Häftlinge bauen Nazi-Emblem

Über die wahren Verhältnisse im Lager Pappenheim hat bereits im Juli 1934, also noch sehr zeitnah, der Oschatzer Kommunist Otto Eichler einen Bericht geschrieben. Interessanterweise existiert davon noch eine zweite spätere Fassung, die aber eindeutig parteilicher und sicher nicht so zuverlässig ist [4]

Es folgt hier die Fassung von 1934:

„Am 4. Mai 1933 wurde ich früh 6.15 Uhr von meiner Wohnung abgeholt und gegen 12 Uhr mittags im Lager abgeliefert. Dort fragte mich der Lagerkommandant, ob ich noch Kommunist sei, was ich wahr-heitsgemäß bestätigte. Darauf fragte mich derselbe, ob ich eine Pistole habe, was ich verneinte. Darauf sagte dieser, daß ein Mitgefangener namens Schröter behauptete habe, daß ich eine solche besäße. Ich verlangte darauf Schröter gegenübergestellt zu werden. Die Forderung veranlaßte den Schiemann, drei Leute in den Raum zu rufen, die mich mit den Stiefeln in den Rücken traten und mich schlugen. Als weitere Strafe mußte ich eine Stunde lang ‚Arme vorwärts’ und dann eine weitere Stunde ‚Arme hoch-halten’. Als meine Arme anfingen zu zittern, wurde ich mit dem Gummiknüppel, Seitengewehr und Gewehrkolben bearbeitet. Dann mußte ich eine weitere Stunde ‚Knie beugt’ und noch eine weitere ‚Knie beugt und Arme vorwärts hebt’ machen. Hierbei hörte ich, wie Schiemann, der Lagerkommandant, in das in der Nähe befindliche Telefon rief: ‚Jetzt haben wir den Eichler so traktiert, daß das ihm das Wasser am Leibe herunter läuft.’ Dann mußte ein Häftling auf das Gebälk der Baracke klettern, ein Seil darüber legen, an dem sich unten eine Schlinge befand. In diese mußte ich meinen Kopf stecken und wurde dann von zwei Mann am Halse etwa ¼ m über den Fußboden hochgezogen. Als ich oben hing, schlug mich ein SA-Mann mit dem Seil ins Gesicht, traf das rechte Auge, das schnell schwoll, blutete, so daß ich ca. 3 Wochen fast nichts sehen konnte. Nun wurde ich heruntergelassen und man setzte beim Haare schneiden seine Gelüste fort. Ein Mann mußte meine Haare hochhalten und ein anderer schnitt oder vielmehr sägte diese mit einem Seitengewehr mit Säge ab. Was dabei noch herunter hing, wurde mit der Schere abgeschnitten. Dann kam eine hygienische Wäsche. 12 - 13 Mann mußten mir auf den Kopf spuken und dann wurde der Unrat, der mir schon in den Nacken lief, mit einem Strohwisch abgewischt. Dann mußte ich die Haare und das Stroh einzeln auflesen und da es nicht schnell genug ging, wurde ich wieder mit dem Knüppel und den Füßen bearbeitet. Nach diesen Mißhandlungen verlangte ich zu trinken. Ein gewisser Beyer hielt mir ein Glas vor, und wenn ich trinken wollte, goß er es mir jedesmal ins Gesicht. Abends habe ich nichts zu essen bekommen, mußte aber dafür in der SA-Wache bis 9 Uhr stramm stehen. Dann mußte ich ins Bett. Aber schon nach 15 Minuten holte man mich wieder. Ich mußte noch eine halbe Stunde lang ‚hinlegen und auf’ üben und dann die gleiche Zeit in der langsam von 1 – 120 gezählt wurde ‚Knie beugt’ machen und auf die gleiche Weise wieder hochgehen. ¼ 11 Uhr ging es wieder zu Bett, aber schon 10 Minuten später mußten wir wieder heraus. Wir mußten in den Geräteschuppen, Spaten holen und dann ging es hinaus in den Wald, wo wir unser Grab schaufeln mußten. Während dieser Arbeit wur-den wir von 10 bis 12 Mann bewacht und beschossen. Als wir einen halben Meter gegraben hatten, frug ein SA-Mann Theil, ob jemand Durst hätte, ich verneinte nach den gemachten Erfahrungen, die anderen bejahten. SA-Mann Beyer mußte vier Glas Wasser holen, die aber halbvoll Salz waren. Da ich mich weigerte, goß er es mir mit Gewalt in den Hals. Dann mußten wir das Grab wieder zu schaufeln, gingen wieder ins Bett, um nach 5 Minuten wieder geholt zu werden. Dann mußten wir in Liegestütz gehen und die SA-Leute gingen von dem Rücken des einen mit den Stiefeln auf den des anderen. Dann mußten wir uns auf den Bauch legen und sollten auf den Ellbogen durch die Stuhlbeine einer ganzen Reihe kriechen. Da dies wegen meiner Körperkonstitution nicht gut ging, half man wieder mit Fußtritten nach. Hierauf wurde eine Bank auf den Tisch gestellt und angekündigt, wer darüber springen könne, solle ins Bett gehen können. Da ich das nach den bisherigen Anstrengungen seit Mittag unter den unsäglichen Mißhandlungen nicht fertigbrachte, wurde wieder durch weitere Mißhandlungen nachgeholfen. Dann hieß es wieder ‚Auf, nieder’ und dabei bin ich zusammengebrochen. Da sagte der SA-Mann Theil zu mir, daß ich nur zu faul sei und trat mir in seiner sadistischen Raserei absichtlich mit dem Stiefel auf die Hände, so daß ich einen Fingernagel verlor, ein Sanitäter mußte mich nachts ¼ 2 Uhr verbinden, und zwar das Auge, das Knie und den Finger. Dann konnten wir endlich wirklich unser Lager aufsuchen. Das nannten die Leute ‚deutsche Abende’ feiern. Früh um 10 Uhr bin ich zum Lagerarzt gegangen, der hat mich untersucht und sagte zu seinen Leuten, ob denn das nötig gewesen sei. Die drei anderen Häftlinge konnten überhaupt nicht laufen. Mir verschrieb der Arzt einen Verband für das Auge und den Finger und Einreibung für das Knie. Dann ging es wieder ins Lager. Am gleichen Tag abends 10 Uhr kam der Sturmarzt von Wermsdorf. Dieser ordnete wieder Verbände und so weiter an, die Beine der anderen mußten geschient werden. Die Verordnungen wurden aber nicht durchgeführt, was ich ihm beim nächsten Besuch am Sonnabend gesagt habe, auch, daß das Leiden und die Schmerzen schlimmer geworden seien. Am Dienstag darauf meldete ich mich wieder beim Lagerarzt. Da rief mich der Sanitäter Lindner in die Sanitätswache und teilte mit, daß heute Abend der Kommissar Albrecht kommen würde, um zu recherchieren und frug mich, was ich sagen würde, wenn er mich fragen würde. Als ich darauf sagte, daß ich natürlich die Wahrheit sagen würde, und was passiert sei, äußerte er, daß ich, wenn ich die Wahrheit sage würde, sich meine Lage nur verschlechtern würde. Ich sollte aber sagen, daß ich beim Strafdienst gestürzt sei und mir dabei das Auge verletzt habe. Darauf habe ich ihm entgegnet, daß ich bisher immer die Wahrheit gesagt habe, und wenn ich das nicht dürfe, so solle man mich meinetwegen an die Wand stellen. Da man befürchtete, daß ich dem Kommissar Aufklärung über die furchtbaren Zustände im Lager geben würde, brachte man mich dahin, wo dieser nicht hinkam und verhinderte so, daß das sadistische Treiben an die Öffentlichkeit kam. In der Nacht vom 19. Mai, als es nach Colditz ging, der sogenannten ‚deutschen Nacht’, bin ich nicht mißhandelt worden, weil mein Zustand noch so war, daß sich die Unmenschen nicht getrauten ihre verbrecherischen Taten fortzusetzen. Ich konnte noch nicht laufen. Als ich aber am nächsten Morgen um einmal aufzutreten, doch laufen mußte, wurde ich, mich mühsam fortschleppend, von einem gewissen Lupatzsch mit dem Stiefel ins Gesäß getreten und ins Gesicht geschlagen, weil ich angeblich früher einmal mit 15 Mann eine Versammlung sprengen wollte. Ich habe aber nachweislich an einer Rippenfellentzündung krank gelegen. Die gleichen Mißhandlungen sind den Häftlingen Alfred Weber, Kurt Plato, Max Polenz zuteil geworden. An den Mißhandlungen haben sich beteiligt, die SA-Männer Theil, Lupatzsch, Becker, Böhme, Wolf, Thomas, Beyer, Klunker, Grötzsch, Lehmann, Gaumnitz. Ich weiß, daß der Lagerkommandant Schiemann die Mißhandlungen angeordnet und davon gewußt hat, denn er hat zu seiner SA geäußert, ‚Na ihr habt doch gestern Abend deutschen Abend gefeiert’.

Oschatz, am 23. Juni 1934“ [5]


Abb.6: KZ Pappenheim – Schlafraum der Häftlinge


Abb.7: KZ Pappenheim – Häftlingsfreizeit


Abb.8; KZ Pappenheim – Häftlinge auf dem Weg zum Steinbruch


Abb.9: KZ Pappenheim – Arbeit im Steinbruch

Das Lager Pappenheim war stets nur als zeitweises Provisorium gedacht. Deshalb werden die wichtigen Gefangenen in das Lager Colditz überstellt. Offiziell wird das Oschatzer Konzentrationslager im Ferienheim am 19. Mai 1933 aufgelöst. „Die noch in Haft befindlichen Marxisten wurden mittels Lastauto in der Nacht dem Konzentrationslager Colditz zugeführt“ [6] Tatsächlich finden sich in der Eingangsliste des Lagers Colditz an diesem Tag 37 Personen aus der Amtshauptmannschaft Oschatz verzeichnet.

Die Sache mit der Auflösung des Schutzhaftlagers in Oschatz scheint nicht ganz so zu stimmen, denn noch am 22. Mai 1933 meldet die Zeitung, dass weitere 50 Schutzhäftlinge nach dem Lager in Sachsenburg gebracht werden, der im Lager verbliebene Rest wird in den nächsten Tagen entlassen. „Kürzlich waren noch einige Verhaftungen vorgenommen worden“ [7].

Auch nach der Auflösung des Lagers oder nun erst recht scheinen sich die Vorgänge im Lager in Oschatz herum zusprechen. Wohl deshalb erscheint folgende Notiz der Kreisleitung der NSDAP in der Presse:

„Nach hier eingegangenen Berichten werden zur Zeit von bestimmter Seite die unsinnigsten Gerüchte über das aufgelöste Konzentrationslager insbesondere über die als Wachmannschaft nach dort kommandiert gewesenen SA-Leute im Stadtgebiet verbreitet. Es besteht deshalb die Veranlassung, die Öffentlichkeit zu unterrichten, daß an diesen Gerüchten nichts Wahres ist, sondern daß bewusst gehetzt wird, um für besondere Kreise Nutzen daraus zu ziehen. Bestimmt ist kein SA-Mann wegen nicht zu verantwortender Vorkommnisse im Lager beurlaubt worden. Sofern Beurlaubungen erfolgt sind, bewegen sich diese im Rahmen des Dienstüblichen. Die Bevölkerung wird gebeten, die Gerüchtemacher hier anzuzeigen, damit die notwendigen Maßnahmen ergriffen werden können“ [8]

Die Gerechtigkeit nahm aber mit der Geschichte ihren Lauf. Im August 1949 begann in Leipzig ein Prozess gegen Mitglieder der Wachmannschaft. In einem Bericht der Leipziger Volkszeitung über den Prozess heißt es:

„Gestern begann vor der großen Strafkammer des Landgerichts Leipzig nach Befehl 201 der Prozeß gegen die Wachmannschaften des Lagers Pappenheim. Ursprünglich war beabsichtigt, den Prozeß in Oschatz durchzuführen, um allen in Oschatz Interessierten die Gelegenheit zur Teilnahme zu geben. Aus technischen Gründen war diese Absicht aber nicht durchführbar …

Vor uns auf der Anklagebank sitzen sie nun, die einstigen „Größen“ des Lagers Pappenheim, acht an der Zahl. Der neunte, der Arbeiter Otto Kretzschmar aus Oschatz, ist verstorben. Im einzelnen sind angeklagt: der Arbeiter Willi Lehmann aus Luppa, der Schlosser Karl Zschachlitz aus Naundorf, der Fleischer Max Weinert aus Strehla bei Oschatz, der Friseur Hermann Isbrecht aus Bautzen, der Arbeiter Max Kittler aus Schrebitz, der Dachdecker Paul Schröter aus Strehla, der Handelsvertreter Albert Eichhorn aus Naundorf bei Oschatz und der Arbeiter Arndt Grötzsch aus Berlin - Siemensstadt. Sämtlichen Angeklagten legt die Anklage im Wesentlichen die Dinge zur Last, über die wir bereits berichteten: Sie fordert die Einstufung der Angeklagten als Hauptverbrecher nach Direktive 38 in Verbindung mit dem Gesetz 110 und ihre Bestrafung“ [9]

Zu den Ergebnissen des Prozesses schreibt die LVZ:

„Die Hauptverhandlung in Strafsachen gegen die Wachmannschaft des KZ Pappenheim wurde am Donnerstag zu Ende geführt. 22 Zeugen wurden vernommen und ließen noch einmal die erschütternden Bilder der damaligen Konzentrationslager vor unseren Augen erstehen. Und dabei war das, was in Pappenheim geschah, nur ein kleines Vorspiel zu den Greueltaten, die dann später in den Lagern Buchenwald, Dachau, Auschwitz usw. zur grauenvollen Methode wurden. Das Gericht konnte auch nicht mit über den Haupt-verantwortlichen an den Quälereien in Pappenheim entscheiden, der damalige Lagerführer Schiemann und sein Stellvertreter Theil sind tot. Es mußte sich damit begnügen, die Wachmannschaft des Lagers, deren man habhaft werden konnte, zur Verantwortung zu ziehen.

Die Zeugenvernehmung erbrachte keine wesentlich neuen Gesichtspunkte. Es wurde von den Zeugen bestätigt, daß die Vorgänge in dem Lager sich so abgespielt haben,... Die Angeklagten gaben wohl zu, daß sich solche ‚deutsche Abende’, solche Mißhandlungen, solche Quälereien mit all ihren kleinen und großen Schikanen zugetragen hatten, aber dabei gewesen sein wollte man aber nur in einzelnen Fällen.

Demgegenüber ergaben die Zeugenaussagen, daß Lehmann und Zschachlitz im wesentlichen diejenigen waren, die sich aktiv an den Mißhandlungen beteiligt hatten oder auf ihre Kameraden „anregend“ einwirkten, wobei Lehmann wohl das Hauptmaß der Schuld sämtlicher Angeklagten zu kam, denn er ist offenbar der aktivere von beiden gewesen. Aber auch Zschachlitz wurde ein gerüttelt maß Schuld bei den Mißhandlungen nachgewiesen.

Die Handlung eines Weinert und Grötzsch ragte gleichfalls aus dem Gesamtrahmen heraus, sie waren insbesondere bei sogenannten Erschießungsszenen, bei denen die Häftlinge nachts ein Grab ausschaufeln mußten – offenbar ihr Grab – beteiligt. Grötzsch wurde weiterhin dadurch belastet, daß er beim Anblick des bewußtlosen Häftlings Tunger, der einen Selbstmordversuch unternommen hatte, äußerte:‚Den werde ich gleich munter machen!’, worauf man klatschende Geräusche gehört hat. Eine gewisse Sonderstellung nahm in diesem Verfahren Eichhorn ein, der angeblich von seinem Vater als ‚Erziehungsmaßnahme’ in Einvernehmen mit dem Lagerführer Schiemann nach Pappenheim gekommen war, um hier etwas ‚Schliff’ zu bekommen. Er war auch nur einige Tage dort.

Aus den Zeugenaussagen ergab sich in keinem Falle, daß Kittler und Schröter aktiv an den Grausamkeiten beteiligt gewesen wären, sie waren in der Küche beschäftigt und hatten mit dem eigentlichen Wachdienst nichts zu tun. Da sie um die Quälereien wußten und nichts taten, sich dagegen zu wehren, konnten sie aber nicht in Abrede stellen, und das genügt ja schon, um sich strafbar zu machen. Isbrecht hingegen war, wie die Zeugen übereinstimmend bekunden, nicht als Wachmann im Lager tätig, ist aber dort hin und wieder gesehen worden. Er war geständig, in zwei Fällen als SA-Mann bei Haussuchungen mitgewirkt zu haben, obwohl er der Polizei nicht angehörte. Wie durch den Zeugen Schumann unter Eid bestätigt wurde, hat er sich Schumann gegenüber als SA-Vorgesetzter aufgeführt und ihm bei einer Auseinandersetzung die Pistole auf die Brust gesetzt und ins Gesicht geschlagen...“ [10]

In dem Strafverfahren gegen acht ehemaligen SA-Wachtmänner des aus dem Jahre 1933 berüchtigten Konzentrationslagers Pappenheim, Kreis Oschatz wurden durch die Große Strafkammer des Landgerichts Leipzig sieben Angeklagte für schuldig befunden, sich an Grausamkeiten und Folterungen gegenüber den Häftlingen beteiligt zu haben. Sie wurden als Hauptverbrecher eingestuft und wie folgt verurteilt:

Willi Lehmann und Karl Zschachlitz zu je vier Jahren Zuchthaus
Max Weinert und Arndt Grötzsch zu je drei Jahren sechs Monaten Gefängnis

Albert Eichhorn, Max Kittler und Paul Schröter zu je einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis

Der achte Angeklagte Hermann Isbrecht, wurde für schuldig befunden, seine Stellung als SA-Mann zu ungerechten Maßnahmen durch Beteiligung an Haussuchungen und körperliche Beschädigung eines Anderen ausgenutzt zu haben. Er wurde als Verbrecher eingestuft und zu einem Jahr und neun Monaten Gefängnis verurteilt“ [11]

Die Gebäude des Lagers werden in den Jahren 1933 und 1934 weiter als Ferienlager der Oschatzer Bürgerschule genutzt. Jeweils 80 Schüler verbringen hier frohe Wochen. Außerhalb dieser Zeit nutzen es die Oschatzer Hitlerjugend und das Jungvolk für ihre Vorhaben. Am 24. September 1933 besucht der sächsisch Gauleiter Martin Mutschmann Oschatz. Aus diesem Anlass erhält das Heim den Namen „Martin-Mutschmann-Heim“. Ein großes Hakenkreuz und ein Schriftzug werden angebracht. Elektrischer Strom wird zum Lager gelegt.

Aber nur kurz sollte es noch weiter existieren. Mit dem Bau des Fliegerhorstes wird es im Mai 1935 an die Bauleitung als Büro übergeben, mit der Auflage es nach Beendigung der Bauarbeiten abzureißen, das erfolgte im Herbst 1936. [12]

Heute erinnert nichts mehr an das Lager. Aber vergessen sollten wir Oschatzer diesen Ort nicht.

Mein Dank gilt besonders dem Heimatfreund Herbert Bernd für vielfältige Unterstützung.


[1]

Dresdener Straße

[2]

Akte des Stadtarchivs Oschatz III / I / 172 Blatt 303 ff.

[3]

OSCHATZER GEMEINNÜTZIGE vom 10.04.1933

[4]

KAMPFERLEBNISSE 1. Teil Persönliche Erlebnisse und biographische Skizzen bewährter Genossen des Kreise Oschatz im Kampf um die Herausbildung einer einheitlichen marxistisch-leninistischen Partei der Arbeiterklasse (1879 bis 1946) [Hrsg.] SED-Kreisleitung Oschatz; Oschatz 1976

[5]

persönliche Information

[6]

OSCHATZER GEMEINNÜTZIGE vom 20.05.1933

[7]

OSCHATZER GEMEINNÜTZIGE vom 22.05.1933

[8]

OSCHATZER GEMEINNÜTZIGE vom 09.06.1933

[9]

Leipziger Volkszeitung vom 25.08.1949 S.4

[10]

LVZ vom 27.08.1949 S.4

[11]

LVZ vom 27.08.1949 S.2

[12]

Akte Stadtarchiv Oschatz II / VIIId / 70 und 87

Bildquellen:
Abb. 1 bis 3 Stadtarchiv Oschatz
Abb. 4 bis 9 Stadt- und Waagenmuseum Oschatz