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  Ergebnisse der Novemberrevolution in Oschatz
  von Wolfgang Michael

 



Der 100. Jahrestag der Novemberrevolution hat die Erinnerung an das Ende des Deutschen Kaiserreichs und des Sächsischen Königsreichs wieder lebendig werden lassen. Naturgemäß stehen die Ereignisse in Berlin im Mittelpunkt des Interesses, aber auch in Oschatz fand die Revolution statt, wenn auch sehr sanft und ohne spektakuläre Vorkommnisse. Dass die Revolution auch in kleinen Städten ganz anders verlaufen konnte zeigt das benachbarte Riesa. Hier gab es bewaffnete Kämpfe und zwei Tode.

Die Ursache für den friedlichen Verlauf in Oschatz sehe ich in zwei Dingen. Zum ersten war es der Stadtverwaltung unter Leitung des Bürgermeisters Dr. Sieblist im Krieg 1914 bis 1918 gelungen, eine relativ stabile Versorgung aller Bürger mit Grund­nahrungsmitteln zu sichern. Dazu wurden eigene Vorratslager z.B. für Kartoffeln im städtischen Gaswerk angelegt, Kohle wurde mit eigenen Fahrzeugen und Fuhrwerken aus dem Bornaer Revier beschafft und vieles andere. Es gab nur einen Streik in Oschatz; im Febr.1918 bei Kopp & Haberland - Waagenfabrik. Bgm. Sieblist war sofort vor Ort; hielt eine Rede – erst gabt es Pfiffe und Buhrufe, am Schluss Beifall. Am nächsten Tag gehen alle wieder zur Arbeit.

Hauptursache für den friedlichen und harmlosen Verlauf der Revolution sehe ich aber in dem gesellschaftlichen Klima in der Stadt. Konservative und nationalistische Bürger bestimmten die Meinung und die Politik in Oschatz. Zwar gab es auch eine relativ starke SPD in Oschatz, sie war aber sehr mit sich beschäftigt, in Vereinsmeierei gefangen und spaltete sich auch noch am 19. Juni 1917 – Übertritt der Mehrheit zur USPD.

So konnte die bürgerliche Meinung – verbreitet durch zwei auflagenstarke Zeitungen: dem erzkonservativen „Oschatzer Gemeinnützigen“ und dem liberaleren „Oschatzer Tageblatt“ - sich in der Stadt durchsetzen und die revolutionären Ereignisse aussitzen.

Es folgt nun eine Chronologie der Vorgänge in Oschatz. Ursächlich für diese waren die Entscheidungen in Berlin und Dresden.

21.10.1918

Im „Oschatzer Tageblatt“ (im Folgenden mit OT bezeichnet) wird erstmals offen der Rücktritt des Kaisers gefordert
Letzter Vaterländischer Abend im „Goldenen Löwen“. Bilder von der Front werden gezeigt.
Für die 9. Kriegsanleihe wird ständig geworben.

22.1.1918

Sozialdemokratischer Aufruf gegen rechte und gegen bolschewistische Revolutionsfantasien.
Konzerte und Theater finden in allen Sälen der Stadt statt. Es herrscht Tanzverbot.
Es ist Jahrmarkt in der Stadt.

26.10.1918

Die Königlich-Sächsische Regierung tritt zurück.

08.11.1918

erste Berichte in den Oschatzer Zeitungen aus Kiel und Hamburg. Erstmals wird die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten(AuSR) erwähnt. In der Stadt kursieren Gerüchte aus Riesa und der Garnison Zeithain( 6.11. erster sächsischer Soldatenrat).

10.11.1918

Es ist Kirmes in Oschatz, alle Lokale haben lange geöffnet.
Die revolutionäre Bewegung ergreift Sachsen. Der Erlass des Leipziger SR wird in der Presse veröffentlicht.
In der Nacht zum 10.11.(Sonntag) wird ein vorläufiger SR der Mannschaften der Ersatz–Eskadron des Ulanenregiments, der Quarantäne, des Gefangenenlagers und der 6 Abteilungen des Reservelazaretts in Oschatz gebildet. Offiziere wurden entwaffnet; die königlichen Kokarden wurden abgelegt.
Am Vormittag besetzten Beauftragte des SR mit roten Armbinden Bahnhof, Post, Telegrafenamt und Banken.
Nachmittags große Soldatenversammlung im Garten des „Goldenen Löwen“.
Es ziehen vorwiegend größere Schüler singend und lärmend mit durch die Stadt. Rote Fahnen werden mitgeführt. Bekannt wurde es mir nur dadurch, dass der Rektor der Bürgerschule eine Anzeige veröffentlich, in der alle Eltern ermahnt werden, ihre Kinder von solchem Unfug fern zu halten.
Die Soldaten wählen offiziell den SR, mit zwei Offizieren als Mitglieder. Eintreffende Vertreter des Wurzener SR legen dagegen Protest ein – Neuwahl: ausschließlich Mannschaften.
Gewählt wurden:
Theodor Bauer als Vorst.
Karl Müller aus Oschatz später Vors.- Monteur
Franz Böhme aus Dresden – Buchdrucker
Willi Eggert, Adrian, Tannenberger - Soldaten

11.11.1918

Der Oschatzer SR erlässt folgende Anordnung:
„Der SR der Garnison ist heute zusammengetreten. Er hat Leute aus seiner Mitte herausgezogen und mit einer roten Armbinde versehen. Den Anweisungen dieser ist unbedingt Folge zu leisten. SR hat sämtliche Soldaten zu Ruhe, Ordnung und Besonnenheit ausdrücklich ermahnt. Jedermann, Zivilist oder Soldat hat sich jeder Ausschreitung zu enthalten.“
Er ordnet weiter an:
Einstellung der Kriegsproduktion in allen Betrieben, Abgabe aller Waffen – Montag 11.11. von 9 bis 12 Uhr Ulanenkaserne.
In den Betrieben werden „Werkstattvertreter“ für der AR gewählt, schnelle Zusammenarbeit mit SR, da Karl Müller Vorsitzender des sozialdem. Verein Oschatz war. Zusammenkunft abends im „Amtshof“; Offizielle Wahl des AR:
Paul Lantzsch Vorsitzender; Gewerkschaftsfunktionär und Kassierer der Ortskrankenkasse
Karl Franke, Steinmetz
Karl Hausschild, Lagerhalter
Julius Göppel; Fabrikschmied
Emil Kühne; Fabrikschlosser
Emil Helm, Schlosser u.a.

Das OT kommentiert die Ereignisse in Oschatz:
„Staats-und Militärbehörden sind durch eine – vorläufige und stellvertretende - Autorität abgelöst worden, deren Träger ausschließlich Soldaten und Arbeiter aus Fabriken sind. Die übrige bürgerliche Gesellschaft ist bei Einsetzung derselben nicht gefragt worden, hat aber durch ihre widerspruchslose Haltung stillschweigend oder notgedrungen ihre Zustimmung gegeben.“
Als Ziel der bürgerlichen Kräfte in Oschatz werden genannt: Aufrechterhaltung der Ordnung, schnelle Abhaltung allgemeiner Wahlen zu einem Stadtparlament und Sicherung der Versorgung. Alle bürgerlichen Kräfte werden zu einem Zusammenschluss aufgefordert. Man kann sich beim Verleger des OT Göthel melden.

12.11.1918

Öffentliche Volksversammlungen im „Goldenen Löwen“ und im „Amtshof“. Großer Zulauf.

13.11.1918

Aufruf des AuSR zum Generalstreik für einenTag!
Es beginnt 10 Uhr mit einer Friedenskundgebung auf dem Schützenplatz und Demonstration durch die Stadt, vor der Amtshauptmannschaft und vor dem Rathaus gibt es jeweils einen Halt. Das OT schreibt: 3/4 des Marktes war gefüllt. Stimmt wohl, es gibt ein Foto.


Sammlung: Eckhard Thiem
 
Die Revolutionäre hissen Rote Fahnen auf der Amtshauptmannschaft und dem Rathaus: Hoch die Revolution.
In der Amtshauptmannschaft und im Rathaus werden der Amtmann („...unter dem Zwang der Verhältnisse“) und der Bürgermeister gezwungen folgende Erklärung zu unterzeichnen: „Ich unterwerfe mich hiermit den Machtbefugnissen des AuSR und erkenne dessen Bestimmungen und Forderungen als für mich bindend an. Die politischen und polizeilichen Machtbefugnisse trete ich an den AuSR ab. Alle etwa sich bemerkbarmachenden gegenrevolutionäre Bewegungen verpflichte ich mich sofort dem AuSR mitzuteilen.
Oschatz am 13.November 1918
Amtshauptmann von Seydewitz
Bürgermeister Dr. Sieblist
Müller für AuSR“

15.11.1918

Erste gemeinsame Sitzung des engeren Ausschusses des AuSR mit Vertretern der Amtshauptmannschaft und der Stadt.
Der „Vorsitzende“ Lantzsch eröffnet mit Rede. Daraus geht hervor, dass es am 14. in der Kaserne zu Widerstand der Offiziere gegen ihre Entmachtung kam.
Vereinbart wird eine Mitarbeit des AuSR in der Verwaltung, alle Dokumente müssen gegen gezeichnet werden. Dazu bezieht der Vertreter des AuSR im Rathaus 1. Stock das Zimmer Nr 17; Sprechstunden sind von 10-12 und von 15-17 Uhr.
Jetzt tragen die amtl. Rattenvergiftungswarnungen der Stadt auch die Unterschrift vom AuSR.

16.11.1918

Erste Einschränkung der Machtbefugnisse der AuSR: In Verkehr und Versorgung dürfen sie nicht eingreifen.
Weiter finden Veranstaltungen, Theater, Konzerte statt.

17.11.1918

Es bilden sich AuSR in Dahlen, Strehla und am 24.11. in Mügeln; Oschatzer Rat übernimmt die gesamte Amtshauptmannschaft. Die bürgerliche Presse versucht die revolutionären Vorgänge zu verschweigen. So findet sich heute ein langer Bericht über den Damenstenographenverein „Gabelsberger“, aber nicht zum AuSR.

18.11.1918

Der 8-Stundentag wird eingeführt; 48 Wochenstunden. Es ist eine Anweisung des Leipziger AuSR.
Tanzen ist wieder erlaubt. Findet aber zunächst kaum statt.

19.11.1918

Der Oschatzer AuSR erlässt eine Erklärung: alle Gesetze gelten weiter, gewählte Körperschaften werden durch AuSR ergänz. Diese entscheiden auch in den Dörfern mit. Deshalb sind schnell Bauernräte zu wählen. Die Gewalten der selbständigen Gutsbezirke werden aufgehoben.
Bauer für AuSR unterschreibt jetzt.
Die Bauernräte nennen sich „Ortsausschüsse zur Sicherung der Ernährung“, in ihnen sitzen meist auch die Gutsbesitzer.

20.11.1918

Versammlung des AuSR im „Goldenen Löwen“; Bauer spricht und Max Mucker: Vors. des AuSR Wurzen.
Erste Auseinadersetzung zwischen SPD und USPD über Zentralen AuSR Sachsen.
Erste Warnungen vor russischem Bolschewismus und einer Räterepublik im „Oschatzer Gemeinnützigen“.

23.11.1918

Dem Oschatzer Bürgermeister wird ein Volkskommisar Fabrikschmied Göppel und der Fabrikschlosser Kühne für Zschöllau beigeordnet.
Gehortete Lebensmittel werden bei Kopp in seiner Villa beschlagnahmt – auch bei Bauern und Händlern finden Durchsuchungen statt. Die gefundenen Lebensmittel reichen zwei Wochen für die Suppenküche.

26.11.1918

Einrichtung und restliche Ware der Ulanenkantine werden versteigert.

28.11.1918

Sieblist erläutert das neue Kommunalwahlrecht. Jeder Oschatzer Einwohner ab 20 Jahren – auch erstmals die Frauen – ist wahlberechtigt und hat eine Stimme.
Die Deutsche Demokratische Partei gründet sich in Oschatz: Baumheir, Göthel Weineck, Riehme sind die Gründungsmitglieder.

05.12.1918

Der provisorische Landes – AuSR tritt in Dresden zusammen. AuSR haben nur Kontrolle über Verwaltung. Befugnisse werden eingegrenzt. Nach der Gemeindewahl gibt es keine AuSR mehr!
Bereits jetzt keine Eingriffe in Verwaltung.
Im OT werden alle Bürgerlichen zur Sammlung aufgerufen: 9. Dez Versammlung im „Goldenen Löwen“.

07.12.1918

SPD Versammlung im Schützenhaus, der sozialdemokratische Volksverein, wohl die USPD trifft sich am 8.12.
Ein Handwerkerrat hat sich gegründet.
Der Hausbesitzerverein will zur Gemeindratswahl mit eigener Liste antreten.
In Leipzig Konferenz der Beauftragten der AuSR; Oschatzer stimmten gegen die schnelle Einberufung einer Nationalversammlung. Es heißt in der Entschließung: „…solange nicht die wirtschaftliche Gleichstellung des Volkes erreicht ist, sind wir gegen die Wahlen zur Nationalversammlung und verlangen, dass bis dahin alle Gewalt in den Händen der AuSR gelassen wird.“
Zu diesem Abstimmungsverhalten der Oschatzer Vertreter gibt es Streit im AuSR. Einige Mitglieder treten aus.

09.12.1918

Der OT berichtet über die DDP Versammlung. Es gab eine Diskussion mit AuSR. Alle traten sehr vernünftig auf, außer SR Adrian: Er gibt sich als Spartakusanhänger aus und fordert eine Räterepublik; in der Versammlung gibt es keinen Widerspruch von AuSR. Aber heute erfolgt eine Wortmeldung AuSR: „so sei hier ausdrücklich erklärt, dass er damit niemals im Sinne des AS Oschatz gesprochen hat. Wir missbilligen solche Entgleisungen von unserem Programm.“

17.12.1918

Tanzvergnügen müssen vom AuSR genehmigt werden.
Die Stadtverordneten tagen, die Wahl wird vorbereitet 6 Mitglieder des AuSR nehmen teil.
Jeder Volkskommisar erhält 15 M Tagesgeld. Sitzungsteilnehmer stündlich 2M!
AuSR will keinen Stadtrat, deshalb ist er gegen das Wahlgesetz. Wird aber beraten, wegen Termindruck. Im Wahlausschuss sitzen aber mit Göppel und Lantzsch 2 Vertreter des AuSR. Die Wahl findet am 9.2.1919 statt.
Die Kriegsausgaben der Stadt werden auf 2 823 000 M beziffert.

21.12.1918

Versammlung der DNVP (Deutschnationale Volkspartei) im „Goldenen Löwen“.
Die bürgerlichen Kräfte haben versucht, sich in Oschatz zusammen zu schließen. Unter der Überschrift: „Warum in Oschatz ein deutschnationaler Ortsverein gegründet wurde“ schreibt der OG: „Als unmittelbar nach der Durchführung der Revolution in Oschatz das hiesige Bürgertum völlig ratlos und machtlos den neuen Verhältnissen gegenüberstand, wurde der Schriftleitung des OG dringend nahegelegt, für eine Einigung des Bürgertums einzutreten.“
Ein Mitbürger lud dann alle entsprechenden politischen, gewerblichen und sonstige Organisationen zu einer Besprechung in den „Sächsischen Hof“ ein. Dort trat der OG für ein gemeinsames Auftreten aller Oschatzer Bürgerlichen ein „um durch diesen Zusammenschluß ein derartiges Gewicht zu bekommen, daß die gegenwärtigen Inhaber der Gewalt die Mitarbeit derselben nicht zurückweisen können.“ Dies fand keine Zustimmung. „Ein Bürgerausschuß sei eine Verwässerung, man müsse eine ausgesprochen politische Partei gründen.“ Es stellte sich heraus, dass die beiden liberalen Oschatzer Vereine, der Nationalliberale Verein Oschatz unter Führung von Realschuloberlehrer Tanzmann und der Liberale Verein Oschatz unter Leitung von Buchdruckereibesitzer Göthel (Oschatzer Tageblatt) sich bereits aufgelöst hatten und sich die Ortsgruppe Oschatz der Demokratischen Partei gegründet hatte. Der Zutritt der „Rechtstehenden“ wurde abgelehnt. Diese gründeten nun den in der Überschrift erwähnten Deutschnationalen Ortsverein. Ein Zusammenschluss der Bürgerfraktion war damit vom Tisch. Beide Oschatzer Tageszeitungen vertraten jeweils einen Kurs.
Vorsitzender des demokratischen Vereins: Rechtsanwalt Weineck.
Im OT findet sich heute eine Erwiderung auf die DNVP: Gegen den Vorwurf, die Einigung der bürgerlichen Kräfte hintertrieben zu haben wehrt man sich: “…die [Einigung] haben wir nicht unmöglich gemacht, sie ist unmöglich. Oder glaubt man wirklich, Demokraten, Rechts­liberale, Konservative, Alldeutsche, Antisemiten und Vaterlandsparteiler, bloß weil sie dem, Bürgerstand angehören, zu einer Partei vereinigen zu können?“
Sie wehrt sich auch gegen antisemitische Vorwürfe: „Ein Wort zu dem Vorwurf, die DPD sei die Partei des Judentums, die Judenschutztruppe und wie deratige Behauptungen alle lauten…Sie weist niemand zurück, der sich zu ihren Zielen und Grundsätzen bekennt, also auch keine Juden.“

14.01.1919

In Berlin gehen die Januarkämpfe mit einer Niederlage der Spartakusgruppe zu Ende.
Alle Parteien organisieren ständig Wahlversammlungen. Welche SPD in Oschatz auftritt, ist etwas unklar. Es heißt: „… in einer vom sozialdemokratischen Volksverein (unabhängige Sozialdemokraten) organisierten Versammlung…“ Ist das die USPD?
Der Schriftleiter Rittner des OG tritt als Redner der DNVP auf.
Die Bahn schränkt den Zugverkehr wieder ein. Keine Kohlen.
In der Wahlliste der DNVP für den Leipziger Wahlkreis kandidiert auf Platz 5 der Gutsbesitzer Paul Hennig aus Glossen.
Auf der Liste der DPD kandidiert auf dem aussichtslosen Platz 12 Rechtsanwalt Weineck Oschatz.

15.01.1919

In der Stadtverordnetensitzung wurde beschlossen „die Unkosten der Revolution in Höhe von 800 M“ zu übernehmen. Kein Witz!! So steht es im Protokoll!
Auch der AuSR lädt zu einer eigenen parteilosen Wahlversammlung in den „Amtshof“.
Die AuSR werden verpflichtet, für die Sicherheit am Wahltag zu sorgen. Das OT ruft auch für Oschatz zur Ruhe auf und appelliert an den Oschatzer AuSR, seine Pflicht ernst zu nehmen. Es werden Störungen durch kommunistische Matrosen aus Leipzig befürchtet.

18.01.1919

Der Tod Liebknechts und Luxemburgs wird bekannt. Der OG berichtet jubelnd darüber.

20.01.1919

Die Wahlergebnisse von Oschatz zur Nationalversammlung:

DPD

1904 Stimmen

33,6%

DNVP

613 Stimmen

10,8%

SPD(M)

1266 Stimmen

22,4%

USPD

1859 Stimmen

32,8%

Zentrum

19 Stimmen

 
Die Wahlen verliefen in Oschatz ruhig und ohne Zwischenfälle.
24.01.1919

Die Ulanen werden freudig in der Stadt begrüßt. Die Bevölkerung hat die Stadt festlich geschmückt. „Als charakteristisch an dem überaus farbenprächtigem Bilde…fällt die Tatsache auf, daß das revolutionäre Rot nicht zu sehen ist. Die alten dreifarbigen Wimpel, Fahnen und Flaggen herrschen ausschließlich.“

02.02.1919

Zur Volkskammerwahl Sachsens in Oschatz:
Die Parteien veranstalten große Werbeabende: im „Goldenen Löwen“ spricht für die SPD der Vorsitzende des Soldatenrates Zeithain, die Deutsche Demokratische Partei ruft ins Schützenhaus und im Amtshof versammelt sich der deutschnationale Ortsverein.
Es treten folgende Parteien an:
Deutschnationale Volkspartei
Deutsche Volkspartei
Christlich demokratische Partei
Deutsche Demokratische Partei
Sozialdemokratische Partei Deutschlands (Mehrheitssozialisten)
Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands

Am Wahltag gab es nur geringe Wahlbeteiligung, hatten doch am 19.1.1919 erst die Wahlen zur Deutschen Nationalversammlung statt gefunden. Der OG beklagt deshalb auch: „ Und tatsächlich ist es ja so, dass von den Wahlrednern zur sächsischen Volkskammer fast die nämlichen politischen und wirtschaftlichen Fragen behandelt und im gleichen Sinne beantwortet wurden wie zur Nationalversammlung, selten fand sich eine spezifisch sächsische Note ein. Darum konnte es nicht fehlen, dass eine große Interesselosigkeit der Bevölkerung Platz griff… In vielen Wahlbezirken hatten bis 1 Uhr kaum 25% gewählt und es ist die Annahme berechtigt, dass in günstigsten Falle dort kaum mehr als 50% ihr Wahlrecht ausgeübt haben würden, wenn…“

Ja, wenn nicht die Wahl in Oschatz ein jähes ungesetzliches Ende genommen hätte. Bewaffnete Soldaten der 3. Eskadron des Oschatzer Ulanenregiments drangen gegen 3 Uhr in sämtliche Wahlräume der fünf Stimmbezirke ein und haben, zum Teil mit dem Vorgeben im Auftrag des Soldatenrates zu handeln, Wahlurne, Wählerlisten und andere für die Wahlhandlung nötige Dinge unter Protest der Wahlvorsteher gewaltsam mitgenommen.
Die Ulanen sammelten sich auf dem Altmarkt vor dem Albertdenkmal und begannen ihre Beute anzuzünden. Bald löschten sie aber den Brand und zogen mit dem gesamten Material in die Kaserne zurück.
Beim Wahlkommissar im Rathaus fanden sich die Wahlvorsteher ein, um zu protestieren. Vertreter des Oschatzer Soldatenrates kamen hinzu. Es stellte sich heraus, dass Anlass zu dem Vorkommnis die Tatsache war, dass etwa hundert Ulanen nicht in die Wählerlisten eingetragen waren und deshalb nicht wählen konnten. Wer an dem Versehen die Schuld trug, konnte nicht sofort festgestellt werden. Auf dem Rathaus wurde von einer vom 3. Schwadron eingereichten Liste angenommen, es seien alle Wahlberechtigten Ulanen, es war aber nur eine Nachtragsliste, der seit der Wahl zur Nationalversammlung neu eingetroffenen Ulanen. Die Soldaten, die nicht in der Liste standen, haben versucht gemeinsam mit dem Soldatenrat einen Ausweg zu suchen, um doch noch wählen zu können. Da sich kein legaler Weg mehr zeigte schritten die betroffenen Soldaten zur Selbsthilfe. Der Soldatenrat war davon nicht informiert. Es gibt also kein Wahlergebnis in Oschatz.
Sitzverteilung in der sächsischen Volkskammer:

22

  DDP

13

  DNVP

4

  DVP

42

  SPD

15

  USPD

also 39 bürgerliche und 57 sozialdem. Abgeordnete

04.02.1919 Zur Stadtverordnetenwahl treten 4 Listen mit 58 Kandidaten an:
Wahlvorschlag Hausbesitzerverein
  DDP u.a
  SPD und Gewerkschaft
  Oschatzer Spar- und Bauverein
11.02.1919 Die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung ergaben
4 Sitze Hausbesitzerverein
6 Sitze DDP u.a.
7 Sitze SPD
1 Sitz Bauverein

Es gibt also in Oschatz eine bürgerliche Mehrheit.
Von 6 344 haben nur 4 470 gewählt – 70%.
Der AuSR löst sich auf. Die Revolution ist vorbei.
Zwei Nachträge noch:

11.03.1919

Es erfolgt ein ausführlicher Bericht zu einem Prozeß gegen Oschatzer Ulanen vor dem Kriegsgericht:
Am 31. Januar wurde vom Ministerium Major von Armin als Regimentschef und Rittmeister von Haugk als Chef der 3. Eskadron benannt. Es gab unter den Truppen Widerstand und Unruhe dagegen. Von Haugk hatte die Truppe in Kurland bei -38° exerzieren lassen. Am 1. Februar wurde die Löhnung gezahlt und bei der Gelegenheit einstimmig die Absetzung aller Offiziere beschlossen. Sergant Gerlach wurde als Führer gewählt. Als Rittmeister von Haugk zur Übernahme erschien, traten ihm mehrer Ulanen unter Führung von Serg. Woltmann entgegen und teilten ihm barsch und laut mit, daß er abgesetzt sei und Oschatz verlassen müsste. Von Haugk verließ die Kaserne. Am 3. 2. begab sich unter Woltmanns Kommando ein ca. 20 Mann starker bewaffneter Trupp ins Offizierscasino und rief: „Offiziere raus! Wir brauchen keine Offiziere mehr!“ Serg. Woltmann erklärte: „Sie haben die Kaserne sofort und Oschatz innerhalb von 24 Stunden zu verlassen.“ Major von Armin erklärte, daß sie der Gewalt weichen würden, aber die verheirateten Offiziere Oschatz nicht verlassen würden. Das wurde zugebilligt. Seit dem gibt es keine Offiziere mehr in der Kaserne.
11 beteiligte Ulanen waren nun der Meuterei und des Aufruhrs angeklagt. Alle wurden frei gesprochen. Die Angeklagten gehören alle der Oschatzer Sicherheitstruppe an.

10.04.1919

Heute tritt erstmals eine Ortsgruppe Oschatz der KPD auf. Es wird zum Abend in den „Goldenen Löwen“ zu einer Volks-Versammlung eingeladen „Spartakus spricht über: Was wollen die Kommunisten?“ Ein Gründungstag der KPD in Oschatz ist nicht bekannt.

Quellen: Oschatzer Tageblatt, Oschatzer Gemeinnützige, Volkszeitung für das Muldental, Tageszeitung der SPD, Wurzen, Akten des Oschatzer Stadtrats.
Danke an das Stadtarchiv.