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Der Umbau des Altbaus und der Anbau des Südflügels von 1936 bis 1939

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 wurde Oschatz 1935 erneut Garnisionsstadt und im gleichen Jahr begann man mit dem Bau des Fliegerhorstes. Die zunehmende Vergrößerung der Oschatzer Garnision auf bis zu 6000 Soldaten und die Tatsache, dass kein Standortlazarett vorgesehen war, führten zu einer ständigen Überbelegung des Stadtkrankenhauses. Um den Raummangel und die damit verbundenen Missstände zu beseitigen, erstellte das Oschatzer Bauamt im April 1935 einen Gesamtbauplan zur Erweiterung des Stadtkrankenhauses. In zwei Bauabschnitten sollten die fehlenden Nebenräume und Krankenzimmer für 80 zusätzliche Betten geschaffen werden. Zunächst waren im 1. Bauabschnitt der Um- und Anbau des Haupteinganges und der Bau des Südflügels entlang der heutigen Parkstraße mit einem an der Ostseite gelegenen Treppenhaus geplant. Für einen späteren Zeitpunkt war ein 2. Bauabschnitt ostwärts im Anschluss an das neue Treppenhaus vorgesehen. Dieser Flügel sollte dann die seit 1928 bestehende Baracke und Liegehalle ersetzen. Die Gesamtkosten wurden mit 300.000 Reichsmark veranschlagt. Die notwendigen Planungen wurden auf allen Ebenen vorangetrieben und beschreiben ganz nebenbei das politische Klima in Deutschland. So fragte Bürgermeister Dr. Sieblist 1935 in Berlin an, ob die Firma Emil Zorn A.G., vorgesehen für die Schallisolierung des Neubaus, ein jüdisches Unternehmen sei.

Wegen Geld- und Materialmangel mussten die Bauausführungen verschoben und später sogar gekürzt werden. So wurde zunächst für ca. 15.000 Reichsmark aus dem Krankenhausrücklagefonds im Sommer 1936 der Haupteingang des Stadtkrankenhauses umgebaut. Damit konnten Aufnahmezimmer und Wartezimmer, ein Entbindungszimmer, ein Wöchnerinnenzimmer und ein Endoskopieraum geschaffen werden. Im Dachgeschoss entstanden Personalräume. Diese Umbauten am Haupteingang veränderten den architektonisch interessanten Eingang nachteilig und waren insgesamt auch nur der berühmte „Tropfen auf den heißen Stein“.

Der Krankenhauseingang vor und nach dem Umbau 1936

In seinem Jahresbericht 1937 beschreibt der damalige Chefarzt Dr. Meißner die Situation im Oschatzer Stadtkrankenhaus so:

„Im Jahr 1937 ist die Zahl der aufgenommenen Patienten wesentlich gestiegen, sodass sich die Raumnot ganz besonders bemerkbar gemacht hat. Es musste die Aufnahme von Infektionskranken abgelehnt werden“.

Unter seiner Leitung wurden in diesem Jahr 1170 Patienten versorgt. Die Jahresbelegung des Hauses betrug 73,6% bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 23 Tagen. Neben einer Vielzahl ambulanter Behandlungen (kleine operative Eingriffe, endoskopische Untersuchungen, Gipse und Verbandswechsel) wurden 493 Operationen vorgenommen und 677 konservative Behandlungen durchgeführt. Diese Leistungen erbrachte Dr. Meißner mit einem Assistenzarzt und 14 Pflegekräften sowie einer Labor- und Röntgenassistentin unter der Leitung von Diakonisse Luise Landgraf.

Die spezifischen Zustände im Oschatzer Stadtkrankenhaus und die allgemeine politische Entwicklung in Deutschland zwei Jahre vor Ausbruch des 2. Weltkrieges beschleunigten offenbar die Planungen zur Fortsetzung des 1. Bauabschnittes für eine spürbare Erweiterung des Stadtkrankenhauses.

In einem Schreiben an den „Reichsbeauftragten für Eisen und Stahl“ vom 19. Juli 1937 mit der Bitte um Eisenzuteilung für den Erweiterungsbau, beschreibt Bürgermeister Dr. Sieblist noch einmal eindringlich und außerordentlich kritisch den Zustand des Hauses:

„Das Stadtkrankenhaus entspricht in keiner Weise den neuzeitlichen Forderungen der Hygiene bzw. den Ansprüchen, die die moderne Medizin an ein neuzeitliches Krankenhaus stellt ... Es reichen die Räume für die vorhandenen Krankenbetten nicht aus ... Es fehlt vor allem an Untersuchungsräumen, Verbandszimmern, septischem Operationssaal ... Ebenso dient das Vorbereitungszimmer für Operationen, in dem die Instrumente sterilisiert werden, mitunter als Aufenthaltsraum von Sterbenden; außerdem als Waschraum für sämtliche Verbandsmittel, auch von septischen Patienten ... Es fehlt insbesondere ein Tagesaufenthaltsraum für aufstehende Kranke, die auf den Korridoren herumstehen müssen ... Eine besondere Not herrscht hinsichtlich der Wöchnerinnenzimmer und der Zimmer für klinische Geburten, insbesondere wenn pathologische Geburten notwendig werden. Als Entbindungszimmer dient gewöhnlich das Frauenbad, in dem zu der Zeit, in der dort eine Geburt vor sich geht, natürlich nicht gebadet werden kann. Dieser Raum dient auf der anderen Seite wieder als Zimmer für Schwerkranke und vor dem Exitus stehenden Patienten. Es ist selbstverständlich, dass dadurch eine hohe Infektionsgefahr für Wöchnerinnen vorhanden ist. Säuglinge, die geboren werden, werden in irgendeinen gerade verfügbaren Raum gestellt, aus dem sie, falls er dringend belegt werden müsste, sofort wieder entfernt werden müssen, um an einer anderen Stelle, Korridor o. ähnl. untergebracht zu werden ... Eine hygienische Unmöglichkeit sind fernerhin die Abort- und Schleusenverhältnisse. Besonders an nebligen Tagen dringt der Schleusengeruch durch das ganze Haus ... Unzureichend sind weiter die Laborverhältnisse. Im Labor lassen sich moderne neuzeitliche Untersuchungen nicht erledigen, weil der Platz für die dazu notwendigen Apparate fehlt ... Eben solche Schwierigkeiten bestehen mit den Räumen für medizinische Bäder, Heißluftbehandlungen, Diathermie und medikamentöse Behandlungen, die sämtlich zu eng und zu klein sind und den heutigen Ansprüchen der Nachbehandlung von chirurgischen Unfallverletzten in keiner Weise mehr entsprechen ... Die Küchenverhältnisse sind gleichfalls ganz trostlos. Es fehlt eine Aufwaschküche, ferner ein geeigneter Aufbewahrungsraum für Lebensmittel, zurzeit muss ein Teil der Lebensmittel in der Wäschestube gelagert werden. Die Kartoffeln werden in einem warmen Kellerraum neben dem Desinfektionsapparat aufbewahrt ... Dass die Verhältnisse jetzt so ungünstig geworden sind liegt daran, dass die Aufnahmezahl der Patienten sich jährlich gesteigert hat. Die Erweiterung ist, wovon Sie durch vorstehende Ausführungen überzeugt sein werden, nunmehr zur unbedingten Notwendigkeit geworden“.

Die intensiven Bemühungen von Dr. Meißner und seinen Mitarbeitern sowie der Stadt Oschatz um eine Fortsetzung der Baumaßnahmen waren letztlich erfolgreich. Man darf aber wohl davon ausgehen, dass die politische Führung mit Blick auf die geplanten militärischen Auseinandersetzungen mit den europäischen Nachbarstaaten die Anstrengungen des Krankenhauses und der Stadt Oschatz für ihre Planungen und Ziele missbraucht hat. Mit Hochdruck begannen am 01. April 1938 die Ausschachtungsarbeiten, bei denen Sprengungen und die Bewegung von ca. 2000 m3 Erdreich die notwendige Baufreiheit für den Südflügel entlang der Parkstraße schafften. Am 22. Juni 1938 konnte das Richtfest gefeiert werden.


Richtfest und Fertigstellung des Südflügels 1938/1939

 

Mit dem weiteren Ausbau nahm der 31,00 m lange und 12,50 m breite zweigeschossige Südflügel Gestalt an. Das ostwärts angebaute und heute noch wichtige Treppenhaus sowie die am Südgiebel geschaffene Veranda mit den umliegenden Gartenanlagen vervollständigten das äußere Erscheinungsbild. Gleichzeitig erfolgten der Bau eines Kesselhauses mit den notwendigen Koksbunkern und der Bau einer biologischen Kläranlage. Im Kellergeschoss des Neubaus entstanden Behandlungsräume und Warteräume für die Physiotherapie sowie Luftschutzräume. Das Erdgeschoss wurde als allgemeine Männerstation ausgewiesen und konnte nun weitere 26 Krankenbetten, Untersuchungszimmer und zeitgemäße sanitäre Anlagen aufnehmen. Im Obergeschoss fand sich die gleiche Raumaufteilung für die allgemeine Frauenstation. Neben Speiseräumen für das Personal wurden im Dachgeschoss Ärzte- und Schwesternwohnungen eingerichtet.

Kleines Krankenzimmer und Wohnzimmer der Oberschwester im Südflügel
Küche und Sterilisation im Dach- und Erdgeschoss des Südflügels

Die gesamte Bauzeit war überschattet von außerordentlichen Problemen bei der Materialbeschaffung. Nur mit großem Nachdruck der städtischen Behörden gelang es, die rationierten, aber dringend notwendigen Baumaterialien zu beschaffen. Oschatzer Baufirmen und Handwerksmeister waren vorzugsweise am Bau des Hauses beteiligt. Aber der ursprünglich geplante 2. Bauabschnitt, der den Abriss der Baracke und Liegehalle sowie den Neubau des Ostflügels vorsah, konnte nicht mehr realisiert werden. Noch während des Innenausbaus begann im Frühjahr 1939 die schrittweise Nutzung der neuen Räume und die Belegung der Krankenzimmer. Die Oschatzer Zeitungen berichteten am 30. August 1939, dass das Stadtkrankenhaus keine zivilen Patienten aufnehmen kann. Es wurde auf das Krankenhaus in Mügeln und auf die Dahlener Jugendherberge verwiesen, die für die Aufnahme von Kranken vorbereitet worden waren. Das mit großen Anstrengungen erweiterte Stadtkrankenhaus war der deutschen Wehrmacht als Reservelazarett übergeben worden.

Diese Entwicklung war für Dr. Meißner besonders folgenreich. Nach dem Medizinstudium in Leipzig (1921–1926), der Medizinalpraktikantenzeit in Dresden (1926–1927) und der Facharztausbildung zum Facharzt für Chirurgie am Heinrich-Braun-Krankenhaus Zwickau (1927–1931) hatte er sich 1932 in Oschatz als praktischer Arzt niedergelassen und arbeitete gleichzeitig chirurgisch als Belegarzt im Stadtkrankenhaus. Mit der Übernahme der ärztlichen Leitung des Krankenhauses am 01. August 1933 nahm das Haus einen stetigen Aufschwung. Die Einberufung zum Wehrdienst 1939 beendete diese so erfolgreiche Arbeit. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges gelangte Dr. Meißner in amerikanische Kriegsgefangenschaft und war in Karlsruhe im „Internierten Hospital“ bis zu seiner Entlassung 1946 als Chirurg tätig. Schon aus der Kriegsgefangenschaft hatte er den Kontakt mit der neuen Stadtverwaltung in Oschatz  aufgenommen. In seinem Schreiben vom 06. Dezember 1945 heißt es:

„Da ich in politischer Hinsicht nicht zu den Aktivisten gehöre, bitte ich höflichst um meine weitere Verwendung als Leiter der Chirurgie nach Wiedereröffnung des Stadtkrankenhauses Oschatz“.

Sein Brief trägt den Vermerk eines Mitarbeiters der Stadtverwaltung:

„Auf Anordnung des Herrn Bürgermeister Schröter soll nicht geantwortet werden“.

So wurde mit einem Federstrich sein berechtigter Wunsch nach einer weiteren klinischen, chirurgischen Berufstätigkeit zunichte gemacht. Dr. Meißner eröffnete nach seiner Heimkehr 1947 in der Oschatzer Burgstraße eine Praxis für Allgemeinmedizin mit chirurgischem Schwerpunkt, die er bis zu seinem Weggang in die Bundesrepublik 1959 führte. Von 1959 bis 1967 arbeitete Dr. Meißner als niedergelassener Chirurg in eigener Praxis in Leverkusen. Er verstarb am 30. September 1967.

 

Das Stadtkrankenhaus als Lazarett von 1939 bis 1947

Am 01. September 1939 hatte Nazideutschland Polen überfallen und damit den 2. Weltkrieg ausgelöst. Nur drei Wochen später, am 20. September 1939, traf der erste Verwundetentransport mit einem Lazarettzug in Oschatz ein. Unter der Leitung von Herrn Chefarzt Dr. med. Erich Stelzig und Herrn Oberst von Haugk von der Oschatzer Garnision wurden 53 Verwundete im neuen Reservelazarett untergebracht. Die Kapazität des Stadtkrankenhauses reichte in den folgenden Jahren nicht mehr aus. Die zunehmende Not in Deutschland erlaubte aber auch keine Erweiterung des Reservelazaretts. Den militärischen Forderungen Rechnung tragend, wurden die Oberschule und Berufsschule schrittweise in Lazarette umgewandelt.

Das neue Stadtkrankenhaus wurde der Bevölkerung als Reservelazarett „vorgestellt“.

Die ärztliche Leitung der Oschatzer Lazarette lag nach der Einberufung von Chefarzt Dr. Meißner zur Wehrmacht im Jahr 1939 bei den Lazarettärzten Dr. Stelzig (1939), Dr. Schmidt (1940), Dr. Hoffmann (1941–1942), Dr. Blähsig (1942–1944) und Dr. Brückner (1944–1945).

Dr. med. Emil Stelzig (oben links), Dr. Werner Schmidt (rechts) und Dr. med. Hans Brückner (unten links) waren neben weiteren Ärzten zeitweilig zwischen 1939 und 1945 im „Reservelazarett Stadtkrankenhaus“ tätig.

Der weitgehende Verlust des Krankenhauses für die Zivilbevölkerung und die zunehmenden Kriegsfolgen führten zwangsläufig zu einem sich ständig verschlechternden Gesundheits-zustand der Menschen und zu einer immensen Belastung der in der Stadt tätigen praktischen Ärzte. Die sich anbahnende Kriegsniederlage Deutschlands und die Verlagerung der Kriegsereignisse auf deutschen Boden brachte die Oschatzer Region 1945 zwischen die Fronten der von Westen heranrückenden Amerikaner und der von Osten die Elbe überschreitenden Roten Armee. Diese Entwicklung verschärfte auch die Situation in Oschatz. Unversöhnlich standen sich mutige, weitsichtige Bürger der Stadt und die letzten Sachwalter Nazideutschlands zur Frage der militärischen Verteidigung oder kampflosen Übergabe der Stadt gegenüber.

Die Oschatzer Oberschule, heute Thomas-Mann-Gymnasium, war zu Beginn des 2. Welt-krieges als Lazarett eingerichtet worden.
 

Auch die Realschule, heute Berufsschule, wurde im 2. Weltkrieg als Lazarett genutzt.
 

Dem beherzten Eingreifen Oschatzer Bürger, darunter der Oschatzer Landrat Dr. Helmut Haupt, Superintendent Johannes Ludwig und der seit 1927 in Oschatz ansässige und im Stadtkrankenhaus als Belegarzt tätige Praktische Arzt Dr. med. Wilhelm Deschler, ist es zu verdanken, dass die Stadt Oschatz ohne nennenswerte militärische Auseinandersetzungen das Kriegsende erleben durfte. Am 25. April 1945 waren amerikanische Vorauskommandos von Trebsen bei Wurzen kommend in der Nähe von Leckwitz erstmalig in Deutschland auf sowjetische Truppen getroffen. Diese Verbrüderung der beiden Armeen auf dem Territorium der alten Amtshauptmannschaft Oschatz beschleunigte die Übergabe unserer Stadt an die Amerikaner am 26. April 1945. Im eigenen Fahrzeug und mit weißer Fahne hatte Dr. Deschler das amerikanische Kommando an diesem Tag auf seiner Fahrt von Wermsdorf bis vor das Oschatzer Rathaus begleitet.

Nach der Übergabe Sachsens an die Rote Armee leitete seit dem 08. Mai 1945 der russische Stadtkommandant Major Petrosjan die Geschicke der Stadt und ernannte am 13. Mai 1945 „unbelastete“ Persönlichkeiten als Beauftragte für verschiedene Fachgebiete bei der Stadtverwaltung. Für das „Fachgebiet Gesundheit“ wurde Dr. Deschler ausgewählt und eingesetzt.

Der von den Nationalsozialisten 1935 aufgelöste Krankenhausausschuss trat als Leitungsorgan des Krankenhauses am 20. Juli 1945 erstmalig mit Bürgermeister Johann Reinhard, Bürgermeister Wilhelm Kunze, Chefarzt Dr. med. Erhard Stümer, Dr. med. Wilhelm Deschler und den Herren Günter Sczostak, Alfred Golla und Herbert Uhlmann zu einer vorläufigen Ausschusssitzung zusammen. Gegenstand der Beratung waren die Auflösung des „Reservelazaretts Stadtkrankenhaus“ und die Übernahme durch die städtischen Behörden sowie Personalfragen zur ärztlichen und pflegerischen Betreuung in den Lazaretten „Stadtkrankenhaus“, „Oberschule“ und „Berufsschule“. Neben dem überbelegten „Reservelazarett Stadtkrankenhaus“ befanden sich im Juli 1945 im „Lazarett Oberschule“ (heute Thomas-Mann-Gymnasium) 121 Wehrmachtsangehörige und im „Lazarett Berufsschule“ bis zu 140 Wehrmachtsangehörige. Die Bemühungen der Stadt diese Einrichtungen für die Zivilbevölkerung zu gewinnen, erhielten mit der Beschlagnahme des Reservelazaretts im Stadtkrankenhaus durch die russische Militäradministration im Juli 1945 zunächst einen Rückschlag. Das Stadtkrankenhaus musste sich eine neue Bleibe suchen und zog Ende Juli 1945 in die Privatklinik Dr. Stelzig/Dr. Wagner. Es waren 75 Fahrten erforderlich, um Patienten, Mobilar und Geräte in die Lutherstraße zu transportieren. Unter der Leitung von Dr. Stümer wurden im Haus Nr. 17 eine innere Station, eine Station für Geschlechtskrankheiten und die Verwaltung untergebracht. In den Häusern Nr. 21 und Nr. 23 richtete man eine chirurgische und gynäkologische Station sowie die Entbindungsstation ein.

Die Privatklinik Dr. med. Erich Stelzig / Dr. med. Friedrich Wagner, heute Praxis Dr. med. Ines Braunseis / Dr. med. Michael-A. Schubert, und benachbarte Gebäude in der Lutherstraße mussten von 1945 bis 1947 das Stadtkrankenhaus aufnehmen.

Sicher der Not gehorchend, mussten am 01. Oktober 1945 auch die Lazarette in der Oberschule und Berufsschule aufgelöst und der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden. In der Oberschule wurden eine Chirurgische Abteilung (Leitender Arzt: Dr. med. Erhard Stümer) und eine Innere Abteilung (Leitender Arzt: Dr. med. Georg Scholz) untergebracht und die Berufsschule musste als Seuchenkrankenhaus (Leitender Arzt: Dr. med. Heinrich Strutz) Patienten mit Diphtherie, Typhus, Scharlach und Geschlechtskrankheiten aufnehmen. Glücklicherweise konnten aber schon 1946 die Krankenabteilungen in der Oberschule sowie das Seuchenkrankenhaus in der Berufsschule aufgelöst werden.

In den Akten des Oschatzer Stadtarchivs wird am 1. November 1945 eine erste offizielle Krankenhausausschusssitzung unter der Leitung des Vorsitzenden Günter Sczostak sowie Mitgliedern der KPD, SPD, LPD und der Christlich-Demokratischen-Partei dokumentiert. Als Vertreter des Gesundheitswesens nahmen der Amtsarzt Dr. med. Friedrich Scholz und Fritz Barowsky vom Betriebsrat des Stadtkrankenhauses teil. Im Mittelpunkt der Sitzung standen die unzureichende ärztliche und pflegerische Besetzung im „Krankenhaus Oberschule“ und im „Seuchenkrankenhaus Berufsschule“. Neben der Bestätigung und Neueinstellung von Ärzten, Schwestern und Verwaltungskräften wurde gleichzeitig die Entlassung ehemaliger Mitglieder der NSDAP beschlossen.

Es ist nicht zu übersehen, dass die Stadtverwaltung sehr um die Normalisierung in den Oschatzer Krankenhäusern bemüht war, zumal die Versorgung der Kranken unter einem heute nicht vorstellbaren Personalmangel litt. Mit der Verordnung der Landesverwaltung Sachsen vom 03. November 1945 „Über die Bereinigung von ehemaligen Mitgliedern der Nationalsozialistischen Partei aus öffentlichen Ämtern“ wurden Ärzte, Schwestern und Verwaltungskräfte entlassen, was die personelle Situation in den Lazaretten und Hilfskrankenhäusern der Stadt weiter verschärfte.

Im Frühjahr 1947 übergab die russische Militäradministration das Stadtkrankenhaus wieder an die Oschatzer Stadtverwaltung. Nach umfassender Renovierung konnte das Haus wieder für die Bevölkerung geöffnet werden und die Gebäude in der Lutherstraße wurden den Eigentümern zurückzugeben. In ihrem Bericht über das neu eröffnete Stadtkrankenhaus schrieb die Leipziger Volkszeitung am 16. Oktober 1947:

„Wie verlassen das Stadtkrankenhaus mit der Gewissheit, dass derart mit gutem Geist erfüllte Häuser starke Bollwerke im Kampfe um die Gesunderhaltung unseres Volkes sind“.

Chefarzt Dr. med. Eberhard Stümer (1893-1956) organisierte 1945 den Umzug der Kranken, des Personals und der Einrichtungen des Stadtkrankenhauses in die Oberschule und in die Privatklinik sowie 1947 die Rückkehr in das Stadtkrankenhaus.

Die Leitung des Krankenhauses oblag weiterhin dem Krankenhausausschuss, dessen Arbeit in den folgenden Jahren aber von einem ständigen Wechsel in der Funktion des Vorsitzenden und einer hohen Fluktuation der Ausschussmitglieder gekennzeichnet war. Sicher ist, dass Dr. med. Wilhelm Deschler, Chefarzt Dr. med. Erhard Stümer und seit 1949 Chefarzt Dr. med. Karl-Robert Frohn als Vertreter der Ärzteschaft und des Krankenhauses im Krankenhausausschuss mitgearbeitet haben. Welchen tatsächlichen Einfluss der Ausschuss auf die weitere Entwicklung des stationären städtischen Gesundheitswesens in der Nachkriegszeit nehmen konnte, ist aufgrund fehlender Protokolle nicht zu beurteilen. Es ist aber zu vermuten, dass die gesundheitspolitischen Entscheidungen auf höherer Verwaltungsebene der Stadt getroffen wurden.

Der bauliche Zustand des Stadtkrankenhauses blieb im Wesentlichen bis 1947 unverändert. Die 1935 von der Stadt Oschatz entwickelten Vorstellungen von einem großzügigen Stadtkrankenhaus waren dem Krieg zum Opfer gefallen. Um die in der Nachkriegszeit weit verbreitete Tuberkulose zu beherrschen, mussten Stadtverwaltung und Krankenhausleitung im August 1947 eine Seuchenbaracke im Gelände des Stadtkrankenhauses bauen lassen. Diese 2. Baracke, als rechtwinkliger Anbau an die seit 1928 bestehende 1. Baracke, wurde zunächst als Tuberkulosestation, später als septische chirurgische Station bis 1990 genutzt (Station 5, d. Verf.).

Die Organisation dieser vielfältigen Umstrukturierungen in diesen zwei Jahren nach Kriegsende lag in der Verantwortung des Beauftragten für das „Fachgebiet Gesundheit“ bei der Stadtverwaltung, Dr. med. Wilhelm Deschler und des damaligen Chefarztes des Stadtkrankenhauses, Dr. med. Erhard Stümer.

Dr. med. Wilhelm Deschler (1894-1976), Praktischer Arzt und Geburtshelfer, Belegarzt am Stadtkrankenhaus, Stadtverordneter 1933 / 1934 und zwischen 1945 und 1947 Beauftragter der Stadtverwaltung für das Gesundheitswesen.

Erst mit dem Neubau der Röntgenabteilung 1990/1991 (heute Verwaltung der Orthopädischen Abteilung, d. Verf.), war der Abriss der beiden Baracken möglich geworden. Als letzte Zeugen der Kriegsjahre waren die im Krankenhausgarten befindlichen Luftschutzbunker verblieben, die 1994 im Rahmen der Baumaßnahmen für den Teilersatzbau gesprengt und beseitigt worden sind.

 

Die Entwicklung des Krankenhauses von 1947 bis 1989

Die Wunden, die der 2. Weltkrieg den Menschen geschlagen hatte, verheilten nur langsam und die Aufgaben, die vor den Verantwortlichen in der Verwaltung, den Ärzten und den Schwestern standen, sind heute nur zu erahnen.

Die Zeugen des 2. Weltkrieges (1939-1945) im Gelände des Krankenhauses; die Seuchenbaracke und die Bunkeranlagen wurden 1991 und 1994 abgerissen bzw. gesprengt.

Unter den Leitenden Ärzten, Chefarzt Dr. med. Erhard Stümer (1945–1949), Chefarzt Dr. med. Karl-Robert Frohn (1949–1966), Chefarzt Dr. med. Günther Glück (1966–1967) und Chefarzt Dr. med. Günther Schmidt (1968–1992) waren die Nachkriegsjahre und die Jahre nach der Gründung der DDR bis zu den gesellschaftlichen Veränderungen 1989 von einem ständigen Bemühen um die Verbesserung der medizinischen Betreuung der Patienten und um die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen für das Personal geprägt. Aus dem Städtischen Allgemeinkrankenhaus entwickelte sich schrittweise ein strukturiertes Krankenhaus mit vier Fachabteilungen. Die Eröffnung der fachärztlich geleiteten Chirurgischen Abteilung (1947), der Inneren Abteilung (1947), der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin (1968) und der Gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung (1958) fallen in diese Zeit. Das Profil des Krankenhauses konnte dann 1969 noch einmal mit 8 Betten für die Augenheilkunde (Leiter: Dr. med. Günther Schneider) und 4 Betten für die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (Leiter: Dr. med. Rudolf Heydenreich) erweitert werden.

Die bauliche Entwicklung war zunächst bestimmt vom Bau der 2. Baracke 1947 zur Behandlung der grassierenden Tuberkulose. Dieser weitere Barackenbau charakterisierte über Jahrzehnte das negative äußere Erscheinungsbild unseres Krankenhauses. Die folgenden Jahre waren von ständigen Aus-, Um- und Neubauten gekennzeichnet. Genannt sei hier der Anbau an das „Haus Meißner“ Burgstraße 2, welches seit 1959 als Poliklinik diente und danach als Verwaltungsgebäude genutzt wurde. Ferner müssen erwähnt werden, die Anbauten an der Wäscherei, Heizung und Poliklinik, der Neubau der Pforte, des Zentrallabors und der Transformatorenstation, die Schaffung einer zentralen Sterilisationsanlage und der Einbau eines neuen Aufzuges. 1974 scheiterte der erste Versuch, ein 8-geschossiges Bettenhaus für 192 Betten mit angeschlossener Dialysestation zu bauen. Dafür gelang es am 6. April 1978, nach intensiver Vorarbeit, den Grundstein für eine neue Gynäkologisch-geburtshilfliche Abteilung mit 65 Betten und angeschlossener Ambulanz zu legen und dieses Haus am 13. Dezember 1980 in Betrieb zu nehmen.

Grundsteinlegung für die Gynäkologisch-geburtshilfliche Abteilung 1978; nach der Eröffnung 1980 verfügte die Abteilung über 65 Betten, 2 Operationssäle, 3 Sprechzimmer sowie verschiedene Dienst- und Nebenräume.

Auch der zweite Versuch 1989, einen 5-geschossigen Ersatzbau für die immer noch existierenden Baracken zu errichten blieb in der Planung stecken. So waren neben dem Neubau der Gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung, der ständige Ausbau der Betriebsferienlager in Zempin (1961/1962) und Frauwalde und der Bau von Schwesternwohnungen in der Straße der Einheit (1968) die größten Baumaßnahmen in diesen Jahren. Alle diese enormen Anstrengungen konnten jedoch die Notwendigkeit eines Krankenhausneubaus nicht vergessen machen. Die schlechte bauliche Substanz beeinträchtigte die Arbeit der Ärzte und Schwestern in der Chirurgischen und Inneren Abteilung ganz besonders und störte den Arbeitsablauf in den Funktionsbereichen nachhaltig. Erschwert wurde die medizinische Versorgung der Patienten durch den niedrigen medizinisch-technischen Standard, der, wie in vielen Krankenhäusern der damaligen DDR auch in Oschatz offen zu Tage trat. Die gesamte Finanzierung des Krankenhauses erfolgte zentral, die Bereitstellung von Medikamenten und Geräten war unzureichend und der Weggang qualifizierter Mitarbeiter, insbesondere Ärzte, in die Bundesrepublik Deutschland konnte nicht kompensiert werden. An dieser Stelle sei aber hervorgehoben, dass bei allen genannten Unzulänglichkeiten und Unzumutbarkeiten – wenn man an die Verhältnisse in den Baracken denkt und sich daran erinnert, dass eine Entbindungsabteilung bis 1980 ohne unmittelbar zugänglichen Operationssaal und ohne Fahrstuhl arbeiten musste – die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Krankenhauses mit hoher Berufsauffassung ihre Pflicht zum Wohle der Kranken getan haben.

Mit der Gründung der DDR 1949 war es zu entscheidenden gesundheitspolitischen Weichenstellungen gekommen, die wesentliche strukturelle Umgestaltungen auch im ambulanten und stationären Bereich des Oschatzer Krankenhauses nach sich zogen. Gemäß dem Befehl Nummer 172 der sowjetischen Militäradministration wurde am 1. November 1948 in einem ehemaligen Wohnhaus in der Burgstraße Nr. 3 zunächst eine Poliklinik eingerichtet und damit der Aufbau des staatlichen ambulanten Gesundheitswesens in Oschatz eingeleitet.

Die 1948 eröffnete Poliklinik war bis zu ihrer Schließung 1990 das Zentrum der ambulanten medizinischen Versorgung in Oschatz. v.l.n.r.: Ruth Andrich, Inge Mitdank, Hilde Klotzsch und Dr. med. Wolfgang Becker

Im Jahre 1951 wurde das Stadtkrankenhaus dem Rat des Kreises Oschatz angegliedert und die Abteilung Gesundheits- und Sozialwesen des Rates des Kreises übernahm die Lenkung des Stadtkrankenhauses. Damit endete die seit 1895 erfolgreich geübte direkte Einflussnahme der Stadt Oschatz und seiner Bürger auf die Geschicke des Krankenhauses. 1952 wurden das Krankenhaus und die Poliklinik zu einer Funktionseinheit zusammengefasst und 1954 erhielt die Einrichtung den Status eines Kreiskrankenhauses/Poliklinik. Die Leitung der Poliklinik übernahm 1974 Herr Dr. med. Wolfgang Beckert. Die staatlichen Stellen schenkten dem Aufbau der Poliklinik eine besondere Bedeutung. Während anfänglich die Sprechstunden in der Poliklinik von den Ärzten nur in Nebentätigkeit durchgeführt wurden, verfügte die Poliklinik zum Zeitpunkt ihrer Auflösung im Jahre 1990 über hauptamtlich besetzte Fachabteilungen für Allgemeinmedizin, Chirurgie, Frauenheilkunde, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Haut- und Geschlechtskrankheiten, Innere Medizin und Kinderheilkunde. Die Beengtheit in dem ehemaligen 4-Familien-Wohnhaus schlug sich zwangsläufig negativ auf die Betreuung der Patienten und auf die Arbeitsbedingungen nieder. Die sich ab 1969 entwickelnden staatlichen Arztpraxen, Zahnarztpraxen, Gemeindeschwesternstationen, die poliklinische Abteilung für Lungenkrankheiten und Tuberkulose (PALT) sowie das diabetologische und onkologische Dispensaire wurden dem Kreiskrankenhaus/Poliklinik unterstellt.

Die Standorte des Kreiskrankenhauses Oschatz zwischen 1945 und 1989; das Hauptgebäude (oben li.), die Poliklinik (oben re.) die Frauenklinik (unten re.) und das Verwaltungsgebäude (unten re.)

Die gesamte Entwicklung des Krankenhauses verlangte in diesen letzten 42 Jahren auch erhebliche Anstrengungen von den Mitarbeitern der Krankenhausverwaltung. Unter der Leitung von Herrn Edmund Fritzsche (1945–1980), Frau Lieselotte Wolf (1980) und Herrn Holger Kabisch (1981–1995) galt es, den Wiederaufbau des Gesundheitswesens in der sowjetischen Besatzungszone zu organisieren und das staatliche Gesundheitswesen in der DDR durchzusetzen. Allerdings scheiterten viele Ideen und Initiativen der engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft an der starren Planwirtschaft und an der chronischen Mangelversorgung.

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